Für die deutsche 15er-Rugbynationalmannschaft der Männer war die Reise ans andere Ende der Welt für das Hinspiel im Qualifikationsplayoff zum Rugby World Cup 2019 ein echtes Highlight. Auch wenn das Team auf Samoa den hoch favorisierten Gastgebern letztlich deutlich unterlag, die Eindrücke und Erfahrungen, die man dort sammeln konnte, bleiben und werden die Spieler selbst wie auch die Mannschaft in ihrer Entwicklung weiter voranbringen. DRV-Kapitän Julius Nostadt beschreibt im Interview, wie er Samoa als Land und als Gegner erlebt hat und wie aus seiner Sicht die Chancen auf die erstmalige WM-Teilnahme für Deutschland stehen. (Foto: Tobias Keil)

Julius, in den Genuss, ein Rugbyspiel gegen Samoa im Apia Park zu bestreiten, sind wohl noch nicht so viele deutsche Spieler gekommen. Wie hat es sich angefühlt in dieser Rugby-Hochburg?
Es war schon deutlich zu spüren, dass Rugby dort einen gänzlich anderen Stellenwert genießt als in Deutschland. Ich möchte sogar sagen, dass der Sport dort fest in der Kultur verankert ist. Wenn wir in Apia unterwegs waren, dann wurden wir von den Leuten gegrüßt, Autos hielten an, uns wurde eine große Wertschätzung entgegen gebracht. Das kennen wir aus Deutschland in dieser Form nicht. Das ist hier ganz anders. Darüber hinaus ist Samoa eine wirklich schöne Insel. Wir hatten ja gleich zu Beginn ein wenig Zeit, um auch etwas vom Land zu sehen.

Und aus sportlicher Sicht? Was habt ihr als Mannschaft mitgenommen?
Es ist immer noch schwer, das wirklich reflektiert zu betrachten. Zunächst einmal wirkt die deutliche Niederlage nach. Natürlich ist ein Team wie Samoa, das ausnahmslos aus Topstars aus den besten Profiligen der Welt besteht, gegen uns klarer Favorit, aber am Ende war die Niederlage doch zu hoch. Klar, wir haben nicht aufgegeben. Aber wir hatten phasenweise auch nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Ich meine nicht unbedingt vom Spieltechnischen her. Ich finde, sie haben uns nicht technisch besiegt, sondern vor allem haben sie uns physisch besiegt. Wir wissen jetzt besser, was nötig ist, um auf diesem Niveau bestehen zu können.

Die Reaktionen der Fans in Deutschland waren ja sehr positiv. Das deutsche Rugby habe sich auf Samoa sehr gut verkauft. Wart ihr denn mit eurer Leistung auch zufrieden?
Wir waren sicher nicht zufrieden. Wenn wir in einzelnen Phasen technisch besser agiert hätten, unser Kickspiel präziser gewesen wäre, dann hätten wir das Ergebnis sicher auch knapper gestalten können. Wir hätten auch unser Paket, das wirklich gut war in diesem Spiel, besser ausspielen müssen. Dazu muss man sagen, Samoa hat in der ersten Halbzeit auch viel Selbstvertrauen sammeln können, und dann wird es natürlich noch schwerer. Sie sind hohes Risiko gegangen, da hat viel geklappt, und sie haben sie dafür dann auch mit Punkten belohnt.

Also, was muss im Rückspiel in Heidelberg am 14. Juli besser werden aus Sicht des deutschen Teams?
Uns wurden natürlich viele Punkte aufgezeigt. Wir müssen als Mannschaft besser auftreten, aber auch jeder Spieler kann für sich etwas besser machen im zweiten Spiel. Es ist nicht so, dass wir etwas gutzumachen hätten, aber natürlich wollen wir ein knapperes Spiel haben. Dazu ist das natürlich für uns die beste Möglichkeit, individuell und als Team weiter zu wachsen. Für uns ist das ein neues Niveau, auch von der individuellen Qualität des Gegners her. Da müssen wir uns herantasten. Aber es geht auch nicht besser, als auf einem solchen Niveau zu lernen.

Die Chance auf die direkte Qualifikation ist wohl nur noch rechnerisch da. Nutzt man dieses Spiel jetzt also auch schon als Vorbereitung auf das Repechage-Turnier im Herbst?
Im Sport ist ja bekanntlich alles möglich. Natürlich wissen, wir, dass, wenn wir realistisch sind, die Chancen auf die direkte Qualifikation für Samoa deutlich besser sind. Aber man kann ja hoffen. Als Vorbereitung auf das Turnier im Herbst kann dieses Spiel nicht gelten, denn diese Spiele sind einfach noch zu weit weg. Bis dahin kann noch viel passieren. Wir werden dafür aber auf jeden Fall eine sehr gute Vorbereitung brauchen. Jeder im Deutschen Rugby-Verband sollte seinen Teil dazu beitragen, der Mannschaft das zu ermöglichen, diese Chance nutzen und uns und Rugby-Deutschland diesen Traum von der ersten WM-Teilnahme auch erfüllen können. Wir hoffen auf das Beste.

Und was erhofft ihr euch für den 14. Juli in Heidelberg?
Zunächst einmal ganz nüchtern ein bestmögliches Ergebnis, und dass wir uns im Vergleich zum Hinspiel steigern können. Unabhängig von der sportlichen Bedeutung ist dieses Spiel natürlich auch für das deutsche Rugby ein Highlight und eine große Chance, unseren Sport auf diesem Niveau zu präsentieren. Ein Heimspiel gegen Samoa mit all diesen internationalen Stars, das sollte sich keiner entgehen lassen. Und wir als Mannschaft hoffen natürlich auf viele Fans im Stadion, die uns unterstützen.

Im November wäre dann das Repechage-Turnier. Kanada und Hongkong sind da schon dabei. Aus Afrika schein Kenia der wahrscheinlichste Kandidat zu sein. Wie schätzt ihr die potenziellen Gegner und die Chance auf das letzte WM-Ticket für Deutschland ein?
So realistisch wie nie. Kanada ist der zeit nicht gerade in einem Hoch, und Hongkong wie auch Kenia sind beziehungsweise wären absolut machbare Gegner. Trotzdem ist klar, müssen wir uns sehr gut und konzentriert darauf vorbereiten. Wenn wir das tun können und mit dem bestmöglichen Team auflaufen, ist da was drin. Das ist kein unrealistisches Ziel.