Dr. Nils Zurawski verrät als Abteilungsleiter der Rugbyabteilung des FC St. Pauli im vierten DRV-Sommerinterview, wie die Hamburger zum mitgliederstärksten Verein in Deutschland aufgestiegen sind und wie die Zukunftsvisionen der Braun-Weißen auf und neben dem Platz aussehen.

Wie hoch ist Mitgliederzahl in der Rugbyabteilung des FC St. Pauli und wie viele Mannschaften laufen in braun-weiß auf?
Wir haben aktuell insgesamt 14 Mannschaften: von der U6 bis zur U12 bei den Schüler und Schülerinnen, von der U14 bis zur U18 bei den Jugendlichen, jeweils eine U16 und eine U18 bei den Mädchen, zwei Frauenteams, die in der 15er-Bundesliga und in der Deutschen 7er-Meisterschaft spielen, sowie drei Herrenteams, die in der Verbands-, Regional- und in der 1. Bundesliga auflaufen. Insgesamt zählt unsere Rugbyabteilung mehr als 640 Mitglieder.

Wie habt ihr es geschafft, der mitgliederstärkste Rugbyverein in Deutschland zu werden?
Wir haben kontinuierlich die Schüler- und Jugendteams ausgebaut und mit Trainern und Trainerinnen versorgt. Zudem verfügt jede Mannschaft über mindestens zwei Betreuer. Werbung, wie aktuell bei den Mädchen, machen wir nur selten. Schnupperangebote an Schulen und Ausbildung von Lehrern bieten wir auch nur punktuell an. Was aber gewiss förderlich ist: St. Pauli und der Verein sind sehr angesagt. Darüber hinaus liegt unser Sportangebot im Nachwuchsbereich schwerpunktmäßig auf dem Samstag, was für die Schüler und Schülerinnen und die Eltern weg vom Schul-und Wochenstress und daher attraktiv ist.

Worauf legt ihr bei der Mitgliedergewinnung und bei der sportlichen Weiterentwicklung der Rugbyabteilung FC St. Pauli den Fokus?
Wir bieten ein gutes Training und eine sportliche Heimat an. Neben Rugby organisieren wir zudem weitere Aktivitäten wie Jugendfreizeiten, mit denen wir in den vergangenen Jahren erste Versuche gemacht haben und die wir weiter ausbauen wollen. Hintergrund ist, dass wir Jugendarbeit auch jenseits des Sports anbieten wollen. Ich glaube zudem, dass sich sportlicher Erfolg daran zeigen wird, inwieweit eine Verbundenheit mit dem Club, der Sportart, den Leuten untereinander, den Eltern und Fans herstellen lässt. Wir müssen ein Sportangebot für die Kleinen sein, wobei Rugby das Mittel, aber nicht der alleinige Schwerpunkt ist. Für die älteren Mitglieder müssen wir eine sportliche Zukunft in einem unserer Erwachsenenteams bieten ­– nicht nur in der ersten Mannschaft, sondern auch darunter oder auch als Schiedsrichter, Trainer oder Betreuer. Dazu gehören Geld und Unterstützung. Beides erhält die Rugbyabteilung durch den Hauptverein, durch Sponsoren, Förderer und von unseren Mitgliedern. Aber eben auch durch eine professionelle Struktur mit einem festen Mitarbeiter in der Geschäftsstelle, der alle Teams, Betreuer, Trainer und den Vorstand unterstützt und so Kontinuität in der Arbeit garantiert. Der Fokus in der sportlichen Entwicklung liegt auf noch besseren Strukturen und der Steigerung der aktuell bis zu 50 ehrenamtlich Tätigen im Verein, um somit langfristig in den beiden Bundesligateams eine hohe sportliche Qualität zu sichern. Diese generieren wir weitestgehend aus dem eigenen Nachwuchs, da auch lediglich semiprofessionelle Kader für uns derzeit ausgeschlossen sind. Zum Einen, weil dazu die Mittel fehlen, zum Anderen, weil wir nicht Spielerinnen und Spielern bezahlen und den Rest der Mitglieder um Beiträge bitten wollen. Dies zerstört unserer Auffassung nach den Zusammenhalt und die Integrität der Teams. Langfristig ist das nicht der Weg, der im deutschen Rugby gegangen werden sollte. Wenn Profi, dann richtig und alle.

Was macht FC St. Pauli Rugby aus, was unterscheidet euch von anderen Vereinen?
Das kann ich so genau nicht sagen, da ich nicht die internen Ziele der anderen Vereine kenne. Aber ein Punkt ist sicherlich, dass Erfolg bei uns nicht nur sportlich im Sinne von Titeln gemessen wird, sondern in langfristiger Entwicklung: Wie viele Kinder bringen wir zum Rugby, wie lange bleiben die einzelnen Kinder bei uns in der Abteilung und im Verein? Und ob wir sie auf ihrer sportlichen Laufbahn im Ehrenamt, als Fan oder als Multiplikator unterstützen können. Wir begreifen uns als ein großer Verein, in dem die einzelnen Teams immer Teil des Ganzen sind, sich gegenseitig helfen und unterstützen – ideell, aber auch finanziell. Die Schüler- und Jugendmannschaften benötigen das meiste Geld bei uns, die Herren und Frauen sorgen mit ihren Beiträgen und ihrer sonstigen Arbeit dafür, dass es bei ihnen läuft. Eine Zweiteilung ist bei uns nicht vorgesehen. Solidarität steht über allem in unserer Arbeit.

Wie lauten mittel- und langfristig eure sportlichen Ziele?
Für beide Mannschaften ein Verbleib in der Männer- und Frauenbundesliga. Bei den Frauen peilen wir zudem einen erneuten Meistertitel an. Den Jugendlichen wollen wir Teilnahmen an DRJ-Maßnahmen sowie sportliche Erfolge bei Turnieren und in den Ligen bieten. Bei den Schülern streben wir darüber hinaus einen regelmäßigen Spielbetrieb an und wollen uns als Sportanbieter für Kinder in Hamburg etablieren.

Welche Herausforderungen warten dabei in der „Active City“ Hamburg und in Rugbydeutschland auf euch?
In Rugbydeutschland wünschen wir uns mehr und andere Gegner in den Jugendligen. Es sind bisher immer die gleichen Vereine, die auch schon seit Jahren gute Jugendarbeit betreiben. Da passiert wenig Neues in Deutschland neben allen Forderungen nach Profiligen und einer allgemeinen Professionalisierung des Rugbysports in Deutschland. Diese Forderungen sind zu kurzsichtig und werden durch wenig nachhaltige Jugendarbeit unterstützt, die diesen Namen auch verdient und eben nicht auf eine Schul-AG oder eine U10-Mannschaft beschränkt ist. Wenn wir und der Hamburger Verband weiter so wachsen, bekommen wir in der Hansestadt zudem Probleme, was die Sportstätten besonders mit Blick auf unsere zwei Spielorte und den zusätzlichen Trainingsplatz betreffen. Hier müssen wir unbedingt weitere Ressourcen erschließen. Das wird nicht leicht. Aber das Konzept der Active City kann uns dabei vielleicht unterstützen, wenn wir uns weiter zu einem Sportanbieter für Kinder in Hamburg ausbauen, der Alternativen zum Fußball mit seinen nicht nur positiven Effekten wie Leistungsdruck, falscher Ehrgeiz, teilweise fragwürdige pädagogische Konzepte, anbieten.

Wie definiert ihr bei FC St. Pauli Rugby Erfolg?
Erfolg bedeutet für uns Kontinuität in unserer Arbeit, Nachhaltigkeit in der Entwicklung der einzelnen Mannschaften, die Erhöhung der Anzahl an Kindern, die bei uns Rugby als Sport erlernen und selbstverständlich das Abschneiden in den einzelnen Ligen. Damit steht und fällt aber nicht alles, wobei es selbstverständlich besser und schöner ist, im Rugby-Oberhaus als in der 2. Bundesliga zu spielen. Zudem sehen wir natürlich gerne Sportler und Sportlerinnen des FC St. Pauli in den Auswahlmannschaften der DRJ und des DRV.

Foto: FC St. Pauli