Seit wenigen Wochen ist der Engländer Mike Ford Cheftrainer der deutschen 15er-Rugbynationalmannschaft der Männer. Und in dieser Position steht der 52-Jährige gleich vor der Herausforderung, die Mannschaft vorzubereiten auf das Qualifikationsturnier zum Rugby World Cup vom 11. bis zum 23. November in Marseille (FRA). Dort geht es nicht nur um den allerletzten WM-Startplatz, sondern vor allem um die historische Chance für den Deutschen Rugby-Verband, sich erstmals für die Welttitelkämpfe zu qualifizieren. Im Interview spricht Mike Ford über Herausforderungen und Chancen vor diesem wichtigen Turnier.

Mike Ford, herzlich willkommen beim DRV. Sie sind umgehend in die intensive Vorbereitung auf das Repechage-Turnier im November eingestiegen. Welchen Eindruck konnten Sie bislang gewinnen?
Vielen Dank, mein erster Eindruck ist absolut positiv. Alle Beteiligten setzen sich voll und ganz und mit großem Engagement dafür ein, beim Repechage-Turnier im November die beste Leistung abrufen zu können, die möglich ist. Alle haben diese vielleicht einzige Chance in ihrem Leben, einmal beim Rugby World Cup auflaufen zu können, auch nutzen.

Sie haben mit den besten Profis der Welt gearbeitet. Jetzt stehen sie mit Amateuren, bestenfalls Halbprofis auf dem Platz. Beschreiben Sie bitte die Unterschiede? Ist es leichter oder schwerer für einen Trainer?
Die Aufgabe und bestenfalls die Fähigkeit eines Trainers ist es, einen Spieler jeden Tag besser zu machen und das Team in jedem Bereich zu verbessern. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, auf welchem Level sich die Spieler oder das Team befinden. Von daher: Der Job als Trainer in Deutschland ist weder leichter noch schwerer als in anderen Nationen.

Wie ist der erste Eindruck vom Kader und seinem Potenzial. Sie konnten ja noch gar nicht alle Spieler sehen. Ein klarer Nachteil? Die Vorbereitung bei den Gegnern scheint insgesamt bessere Möglichkeiten zu bieten.
Der erste Eindruck ist gut. Ich habe den höchsten Respekt vor den Spielern. Sie sind zwar keine Profis, haben sich aber zu 100 % der Aufgabe und dem hohen Ziel verschrieben. Sicher haben wir Herausforderungen zu meistern, die andere Teams nicht haben, aber das macht die Herausforderung nur noch spannender.

Von außen betrachtet, sind wir der klare Außenseiter in diesem Turnier? Was lässt dich und das Team zuversichtlich sein, den WM-Traum tatsächlich wahr machen zu können?
Wir werden das bestvorbereitete Team sein, das wir sein können. Der Fokus liegt dabei auf uns selbst und auf unseren Stärken. Und hoffentlich können wir die anderen Teams in Marseille überraschen mit unserem Herz, unserem Einsatz, unserem Engagement und unserem Spielplan.

Das Trainerteam hat sicher die letzten Spiele gründlich analysiert. Worauf wird es ankommen im Repechage-Turnier?
Es ist wichtig, dass wir es den Spielern so einfach wie möglich machen – egal auf welchem Leistungsniveau. Also werden wir uns auf die Basics konzentrieren und unser Gameplay einfach halten.

An welchen Punkten konnten Sie bereits ansetzen? In der Defensive? Sie gelten da ja als Spezialist.
Wir als Trainerteam haben die Bereiche priorisiert, die wir verbessern wollen. Und das ist der Verteidigung sicher ein wichtiger Teil des Plans.

Die Größe der Herausforderung fördert ja mitunter einige Prozent an Leitungsvermögen hervor, die man sonst nicht erreicht. Wie ist die Energie im Team?
Die ist sehr stark. Für mich ist die Energie, die in diesem Team steckt, unsere wirkungsvollste Waffe. Entscheidend wird sein, wie sehr die Spieler es wollen, es zum Rugby World Cup nach Japan zu schaffen. An diesem Wunsch hege ich keinerlei Zweifel.

Ist das auch für Sie ein Traum, ein Team als Head Coach zu einer WM zu führen? Sie waren ja in anderer Position schon dabei.
Um mich persönlich geht es nicht. Ich bin Teil eines guten Coaching- und Managementteams, in dem alle dasselbe wollen und auf das eine große Ziel hinarbeiten. Und das ist ebenfalls eine große Stärke.

Letzte und entscheidende Frage: Wie sehen Sie die Chancen auf die erstmalige Qualifikation für den Rugby World Cup?
Das kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, dass dieses Team bestmöglich vorbereitet in dieses Turnier gehen wird, und dass es das hungrigste Team sein wird.

(Foto: Colin Grzanna)