Am vergangenen Wochenende hat die deutsche 7er-Rugbynationalmannschaft der Männer mit dem erstmaligen Gewinn des Europameister-Titels historisches geschafft. Doch nach den verdienten Feierlichkeiten richtet sich der Blick direkt wieder nach vorn, wie Nationalspieler Carlos Soteras Merz bestätigt. Dabei geht es allerdings nicht nur darum, möglichst weitere sportliche Erfolge anzustreben. Ebenso wichtig ist es, das Nationalteam langfristig für eine erfolgreiche Zukunft aufzustellen und weiterzuentwickeln.

Carlos, mit ein wenig Abstand: Habt ihr schon realisieren können, was ihr geschafft habt?
Wir haben im Team natürlich auch darüber geredet, und es hat auch eine Weile gebraucht, um das zu realisieren. Ganz ist es auch noch nicht angekommen, dass wir erstmals Europameister sind. Das hat es ja noch nie gegeben im deutschen Rugby. Und wenn man sich zum Beispiel vor Augen führt, wie viele Rugbyspieler andere Nationen haben und welchen Stellenwert der Sport dort genießt, dann wird noch deutlicher, was wir da erreicht haben.

Was überwiegt denn überhaupt: Der Stolz auf das Erreichte oder die Erleichterung, sich nach so langer Zeit harter Arbeit und nach einigen knapp verpassten Chancen sich endlich mal belohnt zu haben?
Direkt nach dem Finale war es die pure Erleichterung. Wir hatten uns ja selbst am meisten unter Druck gesetzt. Jetzt hatten wir es endlich geschafft, unser Potenzial in den wichtigen Spielen auch auf den Punkt abzurufen. Jetzt überwiegt aber der Stolz auf das Erreichte, und auch auf die Arbeit, die wir dafür alle investiert haben. Wir wussten ja, dass wir es drauf haben, gegen die Konkurrenten zu bestehen und auch Turniere zu gewinnen.

Wo ihr jetzt euren ersten Titel geholt habt, werden künftig die Erwartungen an euch sicher nicht geringer. Wie geht ihr damit um?
Das beschäftigt uns jetzt noch nicht. Wir haben ja selbst hohe Erwartungen an uns. Wir wollen endlich die Qualifikation zur World Series schaffen. Und dieser Erfolg gibt uns vielleicht das nötige Selbstbewusstsein und die Sicherheit in entscheidenden oder auch Finalspielen, die es eben braucht auf diesem Niveau. Wir hatten auch in der Vergangenheit schon gute Resultate, die uns teilweise nicht zugetraut wurden. Und man kann sicher sein, dass wir als Team ehrgeizig genug sind, uns selbst hohe Ziele zu setzen. Das war bis jetzt so, und das bleibt auch so.

Die Entwicklung dieser Mannschaft war in den vergangenen Jahren ja geradezu rasant. Je näher man der Spitze kommt, werden die Schritte, die noch zu gehen sind, zwar kleiner, aber doch auch schwerer.
Das ist richtig. Aber wir sind bereit, diesen Weg in Richtung Weltspitze kontinuierlich weiter zu gehen. Dazu muss es auch unser Ziel sein, den Kader nachhaltig weiter aufzubauen. Das Gros der Truppe ist ja jetzt schon ein paar Jahre zusammen. Es ist notwendig, dass wir weiter junge Spieler an das Team heranführen, Talente für diesen Sport begeistern, sodass wir 7er-Rugby in Deutschland auch in Zukunft und lange auf hohem Niveau spielen können. Das ist vielleicht wichtiger als einzelne sportliche Erfolge.

Nun hat mit Vuyo Zangqa der Erfolgstrainer der letzten beiden Jahre seinen Abschied aus familiären Gründen bekannt gegeben. Was bedeutet das für das Team?
Wir sind darüber natürlich traurig. Es ist immer schade, wenn jemand, mit dem man so hervorragend zusammengearbeitet hat, geht. Aber so ist das eben im Sport und für seine Gründe haben wir natürlich vollstes Verständnis. Aber wir haben ja noch einen tollen Staff um Co-Trainer Clemens von Grumbkow, der uns zum Glück erhalten bleibt und der es Vuyos Nachfolger sicher einfacher macht, an die gute Arbeit der letzten Jahre anzuknüpfen.

Die nächsten Herausforderungen heißen Oktoberfest 7s, Hongkong 7s und die Weltserien-Turniere in Paris und London.
Das klingt echt gut. Aber jetzt haben wir erst mal drei Wochen Pause nach einer wirklich langen Saison. Dann freuen wir uns wahnsinnig auf die Oktoberfest 7s in München, wo wir uns mit der absoluten Weltspitze messen dürfen. Die beiden Weltserien-Turniere sind noch gar kein Thema. Der Fokus liegt dann absolut auf Hongkong, wo wir endlich fester Bestandteil der World Series werden wollen. Da sind die Oktoberfest 7s als Vorbereitung auf allerhöchstem Niveau sicher Gold wert.

(Foto: Jan Perlich)