Die Nationalteams des Deutschen Rugby-Verbandes haben intensive Wochen und Monate hinter sich. Am Ende konnte man sich zwar nicht auf allen Ebenen so belohnen, wie man es sich gewünscht hatte, doch das Fazit für die Saison im 15er-Rugby sowie die eindrucksvollen Leistungen des Siebener-Teams fällt dennoch positiv aus. Jetzt gelte es, so DRV-Sportdirektor Manuel Wilhelm im Interview, die Kräfte wieder zu sammeln, sich neue Ziele zu setzen und die nächsten Herausforderungen konzentriert anzugehen.

 

Herr Wilhelm, die letzten Monate waren ungemein Kräfte zehrend für die deutschen Nationalmannschaften. Hat sich der große Aufwand denn am Ende ausgezahlt?

Ich denke, man kann sagen, dass er sich zum Teil ausgezahlt hat. Wir haben sowohl mit dem 15er-Team als auch mit den Siebener-Herren klare Entwicklungsschritte nach vorn gemacht. Aber unsere hoch gesteckten Ziele konnten wir leider nicht alle erreichen.

Werden wir etwas konkreter! In die 15er-Rugby-Europameisterschaft, die zugleich den ersten Teil der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2019 in Japan bildete, war man mit einem Paukenschlag gestartet. Wie ist da schlussendlich das Fazit?

Der Sieg gegen den späteren Europameister Rumänien war schon ein echtes Ausrufezeichen. Das zeigt, dass wir mit unserem besten Team auch in der Lage sind, jedes Team in diesem Wettbewerb zu schlagen. Immerhin hat es keine andere Nation geschafft, in dieser EM-Saison die Rumänen zu bezwingen. Aber man muss zugleich konstatieren, dass unser Kader noch nicht tief genug ist, um diesen harten Wettbewerb über mehrere Wochen auf höchstem Niveau durchzustehen. Gegen Spanien etwa war die Mannschaft nicht mehr im besten körperlichen Zustand. Da ist grundsätzlich ein Sieg absolut möglich, aber an diesem Tag war es das eben nicht. Da waren wir schon ein wenig enttäuscht. Aber wir haben frühzeitig den Klassenerhalt gesichert. In der letzten Saison war uns das erst auf den letzten Metern gelungen. Von daher haben wir hier einen Schritt nach vorn gemacht, und darauf können wir in der nächsten EM-Saison aufbauen.

Wie kann man es denn schaffen, die Spieler beziehungsweise den Kader dahin zu bekommen, dass er in allen EM-Spielen gleich konkurrenzfähig ist?

Man muss ehrlich sein: In Deutschland bereitet uns der nationale Spiel- und Trainingsbetrieb nicht annähernd auf die Intensität vor, mit der wir es dann in den internationalen Vergleichen zu tun haben. Die Realität ist, dass unsere Gegner das ganze Jahr auf höchstem Niveau trainieren und spielen. Wir haben zwar bereits Fortschritte gemacht, indem wir den Kader öfter zusammengezogen und gemeinsam trainiert haben, aber mittelfristig brauchen wir ein ganzjähriges Trainingsprogramm nach Vorbild des 7er-Teams – am besten regional unterteilt. Fest steht außerdem, dass wir in Zukunft eine wie auch immer geartete semi- oder professionelle Zwischenstufe zwischen Bundesliga und Nationalteam einziehen müssen. Das haben mittlerweile auch die größten Skeptiker eingesehen.

Welche Rolle spielt denn dabei auch die Doppelbelastung der Spieler, die in beiden Nationalteams auflaufen?

Natürlich ist das ein Problem. Wir haben leider noch nicht genug Spieler, um zwei komplett voneinander unabhängige Kader für das 15er- und das 7er-Rugby aufstellen zu können. Bis das der Fall ist, müssen wir versuchen, die Belastung der Spieler so geschickt zu steuern, dass sie für die internationalen Highlights in bestmöglicher Verfassung zur Verfügung stehen.

Die angesprochenen professionellen Strukturen sind im olympischen 7er-Rugby der Herren offenbar bereits vorhanden. Und die Mannschaft hat zum Teil begeisternde Auftritte hingelegt. Doch der ganz große Wurf ist am Ende ausgeblieben…

Das ist richtig! Wir sind nach wie vor unsagbar enttäuscht, dass wir am Ende in Hong Kong unser Ziel nicht erreichen konnten. Wir haben in einem starken Turnier am Ende im Finale gegen einen Olympia-Teilnehmer verloren, der auch absolut in die World Series gehört, ohne Frage. Aber leider konnten wir im entscheidenden Spiel nicht ganz unsere Leistung abrufen. Und damit haben wir uns leider um den Lohn unserer Mühen gebracht.

Das Fazit kann nach den starken Auftritten – nicht nur in Hong Kong – aber nicht ganz schlecht ausfallen…

Das tut es auch nicht. Wenn man sich die Entwicklung der letzten fünf Jahre anschaut, dann ist das natürlich sensationell, was da geschafft wurde. Aber wir wollten eben diesen Schritt in die Weltserie gehen – und sind nun natürlich enttäuscht, dass uns das nicht gelungen ist. Auf der anderen Seite hat die Mannschaft nicht nur Zuschauer und Fans begeistert. Es haben einige Firmen, die dem Rugbysport verbunden sind, ihre Bereitschaft bekundet, den weiteren Weg dieses Teams als Partner begleiten zu wollen. Das ist natürlich auch ein Erfolg, der uns dabei helfen kann, das Programm in Zukunft auf noch besser und professioneller aufzustellen.

Wie sehen denn jetzt die nächsten Schritte aus? Viel Zeit, um Trübsal zu blasen, gibt es ja nicht.

Das stimmt absolut. Jetzt beginnt unmittelbar die intensive Vorbereitung auf die europäische Siebener-Serie, die ja zugleich WM-Qualifikation ist, und über die wir uns auch wieder für die Hong Kong Sevens qualifizieren wollen. Wir werden im Mai drei Vorbereitungsturniere in Frankreich spielen, bevor es dann in die vier EM-Turniere in Moskau, Lodz, St. Etienne und Exeter geht. Dazwischen steht dann noch ein Einladungsturnier in Rom an. Wir haben also einen vollen Kalender von Mai bis Juli. Ziel ist es aber zugleich, nicht nur dem Topteam, sondern auch den Perspektivspielern für ihre Entwicklung möglichst viel Spielzeit zu geben.

Noch ein Blick auf die Damen, die im Moment scheinbar ein wenig aus dem Fokus geraten sind?

Aus verschiedenen Gründen mussten die zentralen Maßnahmen für die Damen leider ein Stück weit zurückgefahren werden. Wir sind aktuell aber dabei, zahlreiche Sichtungen in ganz Deutschland durchzuführen, um für die Zukunft eine breite Basis aus talentierten und engagierten Spielerinnen aufzubauen. Perspektivisch wollen wir es schaffen, mit einem jungen und ähnlich professionell aufgestellten Team im Olympischen Zyklus 2020 bis 2024 wieder anzugreifen.

(Foto: Jürgen Keßler)