Im Zuge des 4. DSJ-Lehrgangs in Berlin traf sich die AG Öffentlichkeitsarbeit der DRJ zu einem Interview mit den U16 XV Nationaltrainern Maxi Bonanno und Matias Aristarain (Gaucho). Im Gespräch erläuterten die Nationaltrainer u.a. wo ihre Ziele liegen und wer für die U16 Nationalmannschaft eigentlich geeignet ist.

Lieber Maxi, lieber Gaucho, viele Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, um einige Fragen zu beantworten. Würdet ihr euch vorstellen und sagen was ihr eigentlich so macht?
Gaucho: Mein Name ist Gaucho, ich bin 41 Jahre alt, spiele Rugby seitdem ich etwa sechs/sieben bin und komme aus Argentinien. Bei uns in Argentinien war es schon immer Familientradition beim Abendessen über Rugby zu sprechen, deshalb hat auch meine ganze Familie Rugby gespielt: Vater, Onkel, Cousins und mittlerweile sogar mein Neffe.
Unser Ziel ist es die Rugbymentalität in Deutschland ein wenig zu verändern. Was heißt das konkret? Zur Mentalität gehört es nicht einen „schlechten Spieler“ durch die Verbesserung seines Passspiels oder Tacklings zu einem „guten Spieler“ zu machen. Unser Ziel ist es eine Philosophie den Spielern näher zu bringen. D.h.: Ein Spieler, der sicher passt und tackelt wird erst dann zu einem „guten Spieler“, wenn er ein guter Schüler, ein guter Sohn/eine gute Tochter, ein guter Bruder oder eine gute Schwester ist. Erst, wenn er sich in all diesen Bereichen verbessern möchte, kann er zu einem besseren Rugbyspieler werden. Das versuchen wir jeden Tag zu vermitteln.

Maxi: Ich bin Maxi Bonanno, komme ebenfalls aus Argentinien und habe im Jahr 1986 angefangen Rugby zu spielen. Seit fünf Jahren bin ich jetzt in Deutschland. Davor war ich auf unterschiedlichen Stationen in Mexiko, Spanien und Italien. Mittlerweile arbeite ich als Trainer beim RK03 Berlin, es ist meine dritte Saison. Seit eins/zwei Jahren bin ich Coach der U16 Nationalmannschaft und arbeite seit einem Jahr mit Gaucho zusammen.
Gaucho hat schon vieles gesagt: Wir wollen der Nationalmannschaft eine Identität gegeben und Spieler motivieren, Teil der Nationalmannschaft zu werden.

Gaucho: Wir möchten, dass Rugby größer wird. Allen ist bekannt, dass Berlin, Heidelberg und Frankfurt gute Rugbyspieler haben. Aber wer hat etwas über München gehört oder über Bremen? Wir wollen, dass aus ganz Deutschland Jugendliche zur Nationalmannschaft kommen und an den Maßnahmen, vor allem an den Sichtungen, teilnehmen. Alle Spieler die wir gesehen haben oder von denen wir durch die Landestrainer erfahren, bekommen eine Chance bei uns. Egal, ob die eigene Mannschaft nicht top spielt oder eher unbekannt ist, alle haben eine echte Chance bei uns.

Warum seid ihr Coaches geworden?
Gaucho: Eine gute Frage! Ich habe bereits in Argentinien viel beim Training (aus)geholfen, einfach, weil es mir immer großen Spaß gemacht hat. Coach war ich aber nie, bis ich vor 10 Jahren nach Deutschland gekommen und auf den BRC gestoßen bin. Ich habe beim BRC Rugby gespielt und nebenbei einen Job gesucht, von Haus aus bin ich eigentlich Lebensmitteltechniker. Da ich wahrscheinlich im Zuge eines Jobangebots den BRC hätte verlassen müssen, hat der Club vorgeschlagen mir eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Ich entwickelte mich weiter und nun bin ich hauptberuflich Rugbytrainer und daneben noch World Rugby Educator. Als Maxi mich dann gefragt hat mit ihm zusammen als Nationaltrainer der U16 zu arbeiten, habe ich keine Sekunde gezögert „Ja“ zu sagen. Wieso? Weil ich dadurch Deutschland, das mir viel gegeben hat, etwas zurückgeben darf. Ich lebe in einem Land, dass mir gefällt und mir alles bietet. Nun möchte ich mit meiner Tätigkeit und mit meiner Person diesem Land etwas zurückgeben: Nämlich nicht nur gute Rugbyspieler, sondern vor allem gute Persönlichkeiten. Das ist eine tolle Herausforderung, die mir großen Spaß macht.

Maxi: Ich war bereits in Argentinien Sportlehrer und habe neben dem Rugbyspielen auch immer großes Interesse am Coachen gehabt. In Argentinien habe ich in meinem Klub den Nachwuchs trainiert. Anschließend ging es zum Spielen und Training geben nach Italien. Meine Trainerausbildung ging in Spanien weiter, bis ich mich dazu entschieden habe nur noch zu Coachen. Seit 17 Jahren bin ich nun hauptberuflich Rugbytrainer, jetzt beim RK03 Berlin. Für mich war klar: Egal ob Nationaltrainer in Deutschland oder Argentinien, Nationaltrainer zu sein ist eine große Ehre. Nun versuche ich mit Gaucho das, was wir in Argentinien gelernt haben, in Deutschland zu implementieren.

Was macht man als Trainer der Nationalmannschaft tagtäglich?
Maxi und Gaucho: Vieles! Wir sprechen mit Landestrainern, nehmen Videoanalysen vor, telefonieren mit Vereinstrainern, sichten Spieler auf Deutschen Meisterschaften und sonstigen Turnieren, auch bei internationalen Spielen. Wir bereiten Lehrgänge vor, wollen uns selbst natürlich weiterentwickeln, z.B. durch Kommunikation mit dem Ausland. Allerdings muss man eines beachten: Was man in Argentinien gesehen und gelernt hat, kann man nicht eins zu eins in Deutschland anwenden. Man muss Anpassungen vornehmen, vor allem für die Spieler. Wenn du diesen langen Prozess durchgemacht hast, musst du versuchen deine Ideen und Anpassungen auch anzuwenden. Klappt das, schreitest du fort, klappt das nicht, musst du von neuem beginnen.

Maxi: Wir müssen das alles neben der Vereinsarbeit tun. Mein Vollzeitjob ist beim RK03 Berlin. Mit der Nationalmannschaft zusammen ist es schon ziemlich viel und mit der Familie möchte man ja auch noch Zeit verbringen. Ideal wäre es natürlich, wenn man Vollzeit für die Nationalmannschaft arbeiten könnte, die Situation in Deutschland erlaubt das aber leider nicht.

Gaucho: Ich trainiere im BRC ja auch den Nachwuchs. Wenn Deutsche Meisterschaften sind, bin ich auch als Nationaltrainer vor Ort und sichte die jeweiligen Jahrgänge. Damit wir mehr erreichen können, mischen Maxi und ich deshalb unsere beiden Tätigkeiten.

Was macht euch an eurer Arbeit besonders viel Spaß?
Gaucho: Ein Training geht im Verein beispielsweise eineinhalb Stunden. Trainierst du in dieser Zeit z.B. eine U8, bist du für 90 Minuten ein Kind. Jeder mag es Kind zu sein, jeder lacht gerne und wie du siehst machen Maxi und ich sehr gerne Witze. Ob für eine U8 oder eine Nationalmannschaft: Ich habe großen Spaß mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, Trainings zu planen und die Spieler auf Matches vorzubereiten. Wenn du siehst, dass die Dinge, die du im Training angegangen bist, im Spiel funktionieren und du sogar gewinnst oder ein Spieler sich verbessert, bereitet dir das umso mehr Freude.

Maxi: Mit den Jungs intensiv zu arbeiten bedeutet natürlich auch Stress. Wenn du aber siehst, dass die Spieler im nächsten Spiel einen Schritt nach vorne machen, sie nach einigen Jahren vielleicht in der Bundesliga spielen oder sogar nach England gehen, um sich weiterzuentwickeln und du diese Spieler trainiert hast, dann macht deine Arbeit einfach einen riesigen Spaß. Wenn du in den Gesicherten der Spieler siehst, dass sie lernen wollen und sich immer weiter verbessern, dann hast du einfach ein tolles Gefühl.   

Gaucho: Wenn Spieler, die ich von klein auf trainiert habe, nach Italien oder England gehen, habe ich ihnen immer eine Pflicht mitgegeben: Sie müssen sagen, dass ihr erster Trainer Argentinier war!

Was macht eurer Ansicht nach einen guten Rugbyspieler aus?
Gaucho: Für uns ist ein guter Rugbyspieler jemand, der nicht nur gut passen, kicken und tackeln kann. Ein guter Rugbyspieler ist für uns ein guter Mensch, der einen positiven Beitrag in der Gesellschaft leistet. Das steht im Vordergrund, seine Fähigkeiten kann er danach immer noch verbessern. Wer tolle Tackels setzt und gute Pässe spielt, aber einen schlechten Charakter hat, findet keinen Platz bei uns. Wir brauchen Spieler, die sich in das Team einfügen können und über einen positiven Charakter verfügen.

Maxi: Zuerst steht bei uns die Persönlichkeit, danach ist es unsere Aufgabe als Trainer, den Spielern „ihr rugbyspezifisches Werkzeug“ mitzugeben.

Gaucho: Eine gute Person bedeutet auch, dass er sich coachen lässt, dass er kritikfähig ist. Jemand der kritikunfähig ist und sich nicht coachen lässt, wird bis zu einem gewissen Punkt kommen, aber niemals über diesen Punkt hinaus. Aus ihm wird nie ein guter Rugbyspieler werden.

Wie wird man Teil der Nationalmannschaft?
Gaucho: Neben den bereits erwähnten Punkten, haben wir auch für jede Position ein spezifisches Profil. Der Spieler muss in dieses Profil und in unsere Spielidee passen und dafür muss er ein ganzes Paket an Fähigkeiten und vor allem Charakteristika mitbringen. Wir möchten Spieler die Verantwortung übernehmen, auch in der Gesellschaft. Wir möchten die Persönlichkeit und die Fähigkeiten eines Spielers weiterentwickeln und das Team weiterbringen.

Maxi: Zum Prozess: Wir sehen Spieler, ob zufällig oder absichtlich, sprechen uns im Trainerteam ab und gehen daraufhin zu dem Coach des Spielers oder dem Landestrainer. Wenn der Vereinstrainer uns sagt, dass der Spieler neben seinem Skillset eine tolle Persönlichkeit besitzt, kritikfähig und bescheiden ist, dann ist schonmal eine Basis vorhanden. Daraufhin besprechen wir uns mit dem jeweiligen Landestrainer, fragen, ob der Spieler regelmäßig zum Landestraining erscheint und lassen uns die Angaben des Vereinstrainers bestätigen. Erst, wenn diese Kette vorhanden ist, geben wir ihm die Möglichkeit für die Nationalmannschaft zu spielen. Wer toll Rugby spielt aber selten zum Vereins- und Landestraining geht, passt nicht in die Nationalmannschaft. Der normale Prozess beinhaltet, dass ein Spieler vom Vereinstraining ins Landestraining kommt und anschließend Teil der Nationalmannschaft wird.

Wie sieht ein perfektes Team aus?
Maxi: Das perfekte Team gibt es eigentlich nicht. Natürlich versuchen wir das Team auf ein „perfektes Niveau“ zu heben, aber eigentlich ist das unmöglich.

Gaucho: Ein Team ist wie eine Person und perfekte Personen gibt es ja auch nicht. Jedes Team und jede Person hat Stärken und Schwächen. Eine Mannschaft die ihren Spaß hat, die glücklich ist und für den Sport und das Spiel brennt, besitzt natürlich eine solide Basis, um Spaß beim Training und beim Trainieren des Teams zu haben. Wenn all die Dinge die wir angesprochen haben passen, erzielen sie gute Ergebnisse und das bringt am Ende die wirkliche Freude. Ein erfolgreiches Team ist eins, dass sich ständig weiterentwickelt. Entweder gewinnen wir oder wir lernen. Eine erfolgreiche Mannschaft kann und tut beides, lernen und gewinnen.

Maxi: Die Mannschaft muss gewillt sein sich immer weiterzuentwickeln und sich immer weiter zu entwickeln: „Heute spiele ich gut, morgen spiele ich besser.“  Vielleicht ist das die Einstellung einer perfekten Mannschaft.

Welche gegenwärtigen Ziele verfolgt ihr mit der U16?
Gaucho: Erst einmal ein Team bilden. Hier kommen Jungs zusammen, die sich nicht kennen, die erst einmal zu einer Mannschaft zusammenwachsen müssen. Das zu schaffen, würde für uns schon einen riesigen Erfolg bedeuten. Ist dieses Ziel erreicht, geht es darum das Skillset der Spieler zu erweitern und Spiele zu gewinnen. Wenn das Team über einen starken Kern verfügt und sich gut fühlt, wollen wir gegen stärkere Gegner antreten. Gegner, gegen die wir erst einmal keine Chance haben, denn daraus lernen wir. Wir wollen immer einen frischen Wind wehen lassen, um ein besseres Niveau zu erreichen.

Maxi: Die Spieler sollen auf dem Feld mehr Power besitzen. Wir wollen das hohe Niveau, dass die U18 durch ihren Aufstieg erreicht hat unterstützen. Es wird ein großer Schritt sein die Spieler auf ein Niveau zu führen, auf dem sie gegen Frankreich, Georgien oder Spanien spielen und einem gewissen Druck standhalten können. Die Lücke zwischen den Top Teams und Deutschland soll immer kleiner werden.

Wie wollt ihr diese Ziele erreichen und was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Gaucho: Wir möchten mit unseren Ideen und Konzepten weiterarbeiten und uns als Trainer weiterentwickeln und verbessern, parallel zu der Mannschaft und wir möchten natürlich das deutsche Rugby nach vorne bringen.

Maxi und Gaucho: Unser größter Wunsch wäre es in Zukunft mehr Zeit mit der Nationalmannschaft verbringen zu können, unseren Beitrag zu leisten, damit das deutsche Rugby wächst und das Niveau steigt. Wie wir da machen möchten? Mit viel Arbeit und der Bereitschaft aufkommende Konflikte konstruktiv zu lösen. Wir möchten lernen und sind für Kritik offen. Letztendlich möchten wir dafür kämpfen zeigen zu können, dass die deutsche U16 Nationalmannschaft und das deutsche Rugby viel erreichen können.