Hallo Anton, danke dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Ich würde gerne mit dir über dich und deine Rugbyerfahrungen in Neuseeland sprechen. Stell dich erst einmal vor bitte.
Ich heiße Anton, bin 17 Jahre alt und habe in Deutschland beim SC 1880 in Frankfurt gespielt. Vor zwei Jahren bin ich das erste Mal nach Neuseeland gekommen, hatte Glück und habe es direkt in die erste Mannschaft des Nelson Colleges geschafft. Da es mir in Neuseeland so gut gefallen hat, bin ich im März 2018 wieder nach Neuseeland geflogen und durfte erneut für die erste Mannschaft des Nelson Colleges spielen. Außerdem bin ich in die U18-Mannschaft der Crusaders (Junior Knights) aufgenommen worden. Nach der Schulsaison habe ich es dann glücklicherweise in das New Zealand Schools Team geschafft, sozusagen der U18-Nationalmannschaft Neuseelands, in der die besten Schulrugbyspieler zusammenspielen. Mit der New Zealand Schools Auswahl ging es dann nach Australien. Dort traten wir gegen Tonga, die Australia Barbariens und die Australia Schools an, dem Pendant zu unserem Team. Dabei konnten wir tatsächlich alle drei Spiele für uns entscheiden. Nach der letzten Schulsaison bin ich in die 11. Klasse gekommen und bin jetzt über meine Weihnachtsferien in Deutschland, bei meiner Familie, meinen Freunden und meinem Club.

Zur besseren Einordnung für die Leser des Interviews: Auf welcher Position spielst du?
Openside Flanker (Nr. 7) und Nummer 8. Am liebsten spiele ich auf dem Feld aber Nummer 7. Durch meine Größe ist es mir aber auch möglich Acht zu spielen.

Wie bist du zum Rugby gekommen?
Da ich vor meinem Neuseelandaufenthalt in Frankfurt auf eine internationale Schule gegangen bin, habe ich einen englischen Freund gehabt. Eines Tages waren wir nach der Schule bei ihm und wussten nicht so ganz was wir machen sollten. Er schlug vor in seinem Garten Rugby zu spielen, einen Sport, von dem ich zuvor noch nie gehört habe. Ich war damals schon relativ groß und er erklärte mir, dass ich gut für den Sport geeignet wäre. Durch ihn habe ich Rugby entdeckt, das mir auf Anhieb viel Spaß gemacht hat, vor allen Dingen der Kontakt-Teil. Eine Woche später hat mich ein guter Freund dann zum SC 1880 mitgenommen, wo ich mein erstes richtiges Training und noch mehr Spaß hatte. Ich wurde sehr gefordert, habe viel dazugelernt und wurde durch die neuseeländischen Trainer überaus gut gecoacht.

Was bereitet dir am Sport besonders viel Spaß?
Zum einen der Kontakt, zum anderen die „Ball Skills“ die man nutzen kann, um den Kontakt zu vermeiden und Versuche zu legen. Am meisten Spaß macht mir wahrscheinlich das defensive Arbeiten, also das Tacklen und Arbeiten in den Rucks.

Wann und wieso hast du den Entschluss gefasst nach Neuseeland zu gehen?
Vor etwa drei Jahren, als Tim Manawatu, zu dem ich eine enge Verbindung hatte, wieder zurück nach Nelson (Neuseeland) gezogen ist, meinte er zu mir, dass ich eigentlich genügend Potential und Rugbywissen hätte, um in Neuseeland mitzuspielen. Für mich war das die Motivation nach Neuseeland zu gehen. Ein Jahr später hat er mich in Kontakt mit Nelson College gebracht. Ich habe mich beworben und Videos eingesendet, wurde angenommen und zum Glück haben meine Eltern eingewilligt, dass ich nach Neuseeland gehen darf.

Wie hast du dich in Frankfurt für Neuseeland „qualifizieren“ können?
Dadurch, dass ich immer versucht habe hart zu arbeiten, auf die Trainer zu hören und so gut wie nie ein Training zu verpassen. Da mir das Training und die Zeit mit meinen Mitspielern und Trainern, mit denen ich eine super Beziehung hatte, so viel Spaß gemacht hat, war das relativ einfach. Harte Arbeit mit Spaß zu verbinden hat einfach sehr gut gepasst.

Wie konntest du Rugby und Schule miteinander verbinden?
In Deutschland war es schwierig, da Rugby und Schule nicht wirklich aufeinander abgestimmt sind. Ich habe immer vor Schulbeginn Fitness und Individualtraining gemacht. Nach der Schule stand dann Teamtraining auf dem Programm. In Neuseeland ist die Rugby-Schule Verbindung aber komplett anders. Für Jungs in meinem Alter gibt es eigentlich nur Schulrugby. Dort sind die einzelnen Sessions vor, während und nach der Schulzeit angesetzt. Im Nelson College haben wir eine Rugby Class, die alle möglichen Arten des Trainings abdeckt. Ob Gewichtheben, Pass and Catch Training oder ganz normales Team- und Kontakttraining, was hauptsächlich nach der Schule stattfindet.

Du hast von „hart arbeiten“ gesprochen. Möchtest du näher beschreiben, was du damit meinst?
Fast immer ans Limit gehen, weil man sich sonst nicht hart genug pusht, um sich zu verbessern. Ich wusste, dass die Spieler in Neuseeland mindestens genauso hart arbeiten, wenn nicht deutlich härter. Das war in Deutschland die Motivation für mich, bis ans Limit zu gehen. Ich wusste, wenn ich nicht hart arbeite, werde ich keinen Erfolg haben.

Wie sah deine Woche in Frankfurt aus?
Teamtraining hatten wir immer nur dienstags und donnerstags. Samstag waren immer mal wieder Spiele oder Turniere. Montags bin ich vor der Schule Joggen gegangen, nach der Schule war ich im Gym. Danach bin ich montags zum Training der Jüngeren gegangen und habe dort zugeschaut und mitgeholfen. Dienstags war nach der Schule Teamtraining, wo ich so gut wie immer hingegangen bin. Mittwoch war derselbe Ablauf wie montags. Joggen vor der Schule, Gym nach der Schule, danach bei den Jüngeren zugucken. Donnerstags war wieder Teamtraining. Freitags habe ich versucht so wenig wie möglich zu machen, maximal vielleicht mit meinem Bruder ein paar Bälle gepasst, damit ich am Samstag für das Spiel fit bin. Sonntags stand dann leichtes Joggen oder Fahrradfahren auf dem Programm, um die Regeneration zu fördern.

Wie viel Stunden Sport kamen da in der Woche zusammen und spielte bereits in Frankfurt das Thema Ernährung eine Rolle?
Tim Manawatu hat mich in Frankfurt bereits ins Thema Ernährung eingeführt. In Neuseeland wurden wir natürlich nochmal detaillierter dazu unterrichtet, sodass ich jetzt nochmal deutlich mehr Wissen zu dem Thema habe, als zu Frankfurter Zeiten. Generell habe ich darauf geachtet viele Proteine zu mir zu nehmen. So aß und esse ich zum Frühstück viele Eier mit Spinat und Fleisch, anschließend Obst und auch während der Schulzeit immer mal wieder etwas Kleines. Dann war Mittagspause, wo ich das Essen der Mensa gegessen habe. Vor dem Training habe ich dann noch einen kleinen „Pre-Training Snack“ gegessen, einen Riegel oder eine Banane mit Erdnussbutter, also etwas kohlenhydrat- und proteinreiches. Und nach dem Training hat Mama dann Abendessen gemacht. Unter der Woche habe ich am Tag etwa eineinhalb bis zwei Stunden Sport getrieben. Insgesamt kamen pro Woche so etwa 12 bis 13 Stunden zusammen.

Wo liegen generell Unterschiede zwischen Neuseeland und Deutschland?
Um ehrlich zu sein, vor allem in der Freundlichkeit der Leute. Man grüßt sich, obwohl man sich nicht kennt. Die Stadt ist deutliche kleiner als Frankfurt und man ist somit viel enger miteinander verbunden. Außerdem hat Rugby in Neuseeland einen komplett anderen Stellenwert als in Deutschland, das erzähle ich auch den Leuten hier immer. An jeder Ecke sieht man ein Rugbyfeld mit Stangen drauf. Fast jedes Kind läuft mit einem Rugbyball unter dem Arm rum. So wie in Deutschland Fußball gespielt wird, so wird in Neuseeland Rugby gespielt. Ich fand es natürlich cool, dass die Rolle des Rugby-Sports in Neuseeland so groß ist.

Wie hat sich dein Leben in Neuseeland verändert?
Da ich in Neuseeland in einem Internat gelebt habe, bin ich in Konflikt mit den hiesigen Frühstückszeiten geraten. Deshalb lebe ich jetzt bei einer Gastfamilie. Ich hatte teilweise um 6Uhr am Morgen Training und das Internat ist in der Zeit geschlossen gewesen, sodass ich nicht ins Training gehen konnte. In Neuseeland hatte ich morgens Training. Am Nachmittag konnte ich dann in der Rugby Class mein Krafttraining absolvieren, nach der Schule war Teamtraining. Verglichen zu der Zeit in Frankfurt ist es ähnlich, aber deutlich intensiver. Der ganze Tag ist durch Rugby geprägt und man verbringt den ganzen Tag mit seinen Mitspielern.

Du berichtest davon, wie sich die Intensität des Trainings verändert hat. Wie hat sich das Training als solches verändert?
Da ich bereits in Frankfurt von Neuseeländern gecoacht worden bin, ist der Unterschied nicht so groß. Die Drills ähneln sich und in den Drills liegt meines Erachtens der Grund, wieso die All Blacks das beste Team der Welt sind. Ihre Stärke liegt in der Perfektion der Basic Skills, also dem Fangen und Passen von Bällen sowie dem Tacklen. Wir üben in dem Bereich sehr viel. Außerdem war bei allen das Ziel klar, das nächste Spiel zu gewinnen. Auch diejenige, die auf der Bank saßen, haben alles in die Waagschale geworfen, um das Team bestmöglich auf das kommende Spiel vorzubereiten. Da alle zu 100% motiviert waren, hat das natürlich auch die Trainingsintensität massiv gepusht.

Wie fühlte es sich an für Neuseeland aufzulaufen?
Am Anfang stand ein bisschen die Frage im Raum, wie ein deutscher für Neuseeland spielen kann, tatsächlich war das aber nicht böse gemeint. Ich habe es einfach genossen und sofort gemerkt, wie viel dieses schwarze Trikot einem selbst und auch vielen anderen Leuten bedeutet. Es hat mich einfach sehr gefreut, dass ich dabei sein durfte.

Du hattest ja auch schon für die deutsche U16-Nationalmannschaft gegen Polen gespielt. Wo siehst du Unterschiede in der Arbeit beider Teams?
Einfach aufgrund der Größe des Sports, ist das Arbeiten im New Zealand Schools Team professioneller. Das Geld und der Aufwand, der in Deutschland für die Fußball Nationalmannschaften investiert wird, wird in Neuseeland für die Rugby Nationalmannschaften verwendet. So ist der Trainer- und Mitarbeiterstab beispielsweise deutlich größer. So konnten wir z.B. neben zwei Physios auch auf einen Sportpsychologen zurückgreifen. Aber auch in Deutschland hat das Spielen in der Nationalmannschaft großen Spaß gemacht, allein deshalb schon, weil meine Familie zu dem Spiel kam und es mir gelungen ist ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, einfach weil ich das machen konnte und kann, was ich liebe: Rugby spielen.

Welchen Unterschiede siehst du im neuseeländischen Gegenüber, verglichen zum Spiel in Deutschland?
Ohne das deutsche Rugby diskreditieren zu wollen, aber man ist in Neuseeland einfach deutlich fortgeschrittener in der Art und Weise des Spiels. Der Kontakt ist deutlich härter, die Spieler in Neuseeland denken während eines Matches schon zwei bis drei Phasen im Vorfeld, wo sie wie den Ball spielen können. Das hängt aber auch ganz eindeutig damit zusammen, dass Rugby elementarer Teil der neuseeländischen Kultur ist und die Spieler damit aufwachsen. Während man in Deutschland noch eher versucht gerade durchzulaufen und durch die schwache Schulter des Gegners durchzubrechen, geht es in der Südhemisphäre vor allem darum den Kontakt zu vermeiden und Lücken zu finden.

Wird euch beigebracht, wie man aufkommende Lücken sieht?
Mit den Hintermannschaftsspielern wird in dem Bereich gearbeitet. Generell spielt aber auch Erfahrung eine wichtige Rolle. Aber natürlich versucht man uns beizubringen, wie man schlauer und effektiver Rugby spielen kann.

Wie hat sich dein Spiel verändert?
Ich konnte durch die intensive Zeit in Neuseeland bis jetzt viel wertvolle Erfahrung sammeln, mein Verständnis vom Spiel, aber auch von den Regeln verbessern. Ich habe gelernt, wie ich die Regeln des Sports benutzen kann, um mein Team zu unterstützen und Bälle wiederzugewinnen. Wie vorhin gesagt, macht mir die Arbeit am Breakdown besonders viel Spaß. In dem Bereich helfen z.B. spezielle Trainer und sprechen mit uns ausschließlich über die Arbeit am Kontaktpunkt. In diesem Bereich konnte ich mich daher wahrscheinlich am besten entwickeln.

Fokussierst du in dich in deinem täglichen Training auf einen bestimmten Aspekt?
Tatsächlich haben wir nach unserem Teamtraining die Möglichkeit an unseren spezifischen Skills zu arbeiten. Ich achte somit schon darauf, meine Key Skills so gut es geht zu verbessern. Insbesondere also Tacklings und defensive Rucks.

Schaust du viel Rugby?
Ja, vor allem Rugby der Südhemisphäre. Ich finde Super Rugby einfach aufregender als Rugby der Ligen der Nordhemisphäre. Und obwohl Irland Neuseeland schlagen konnte, bin ich der festen Überzeugung, dass die All Blacks das besser Team sind und besseres Rugby spielen.

Wieso sind die All Blacks das beste Team der Welt?
Auf der einen Seite durch ihren großen Erfolg. Auf der anderen Seite sind es die perfekt ausgeführten Basics. In Neuseeland wird man praktisch mit einem Rugbyball in der Hand geboren. Jeder spielt oder hat schonmal Rugby gespielt. Da der Sport in Neuseeland stark gefördert wird, existiert für Spieler natürlich eine ideale Umwelt, um Erfolg zu haben.

Wie wichtig ist den Neuseeländern das Verhalten von Spielern neben dem Platz? Existieren in dem Bereich Unterschiede zu Deutschland?
In Deutschland ist Rugby klischeebehaftet, man hat sofort das Bild eines großen und starken Typen vor Augen. In Neuseeland werden wir auf dem Rugbyplatz von unseren Mitschülern als die besten Spieler der Schule gesehen. Nach dem Spiel ist und bleibt man aber ganz normaler Schüler, an einer ganz normalen Schule. Wir sind uns bewusst, dass wir auch von den Menschen außerhalb der Schule beobachtet werden und versuchen deshalb immer bodenständig zu bleiben.

Es gibt also kein Platz für Arroganz?
Nein, auf gar keinen Fall. Es wird in Neuseeland viel Wert auf Bodenständigkeit gelegt. Auch die Coaches verdeutlichen uns, dass wir vielleicht gute Rugbyspieler und gute Personen sein können, am Ende aber ganz normale Menschen bleiben.

Muss man also „ein guter Mensch“ sein, um ein guter Rugbyspieler zu werden?
Das wird uns so immer gesagt und daran glaube ich auch. Man muss hart arbeiten und bodenständig bleiben. Dazu gibt es ein gutes Zitat: „Work hard in silence and let success make all the noise.” Arbeite auch dann hart, wenn niemand zuschaut. Am Samstag kannst du dann deine getane Arbeit zeigen, wenn du das Spiel gewinnst. Vor und während der Saison machen wir viel Gemeinschaftsarbeit mit der Stadt Nelson. So helfen wir z.B. älteren Menschen bei Gartenarbeiten oder verknüpfen die Gemeinschaftsarbeit mit unserem Training. So wird in Nelson während der Pre-Saison immer ein Benefizlauf organisiert, wo wir mitmachen. Als Schule spüren wir ganz klar die Unterstützung der Stadt. In der Nationalmannschaft gibt uns der Support des ganzen Landes starken Rückenwind. Deshalb versuchen wir zurückzugeben, was wir bekommen haben. Dazu zählt vor allem Freundlichkeit und Bodenständigkeit.

Bekommst du von deinen neuseeländischen Coaches anderes Feedback als von deinen Coaches in Deutschland?
Ja, nach dem Trainingscamp der New Zealand Schools hat jeder Spieler individuelles Feedback bekommen, auch über meine Leistungen neben dem Platz. In Deutschland habe ich vor allem Feedback für meine On Field Performance erhalten. Man merkte in Neuseeland, wie sehr die neuseeländischen Trainer Wert auf das Verhalten neben dem Platz gelegt haben. Es war wirklich eindrucksvoll zu sehen, wie ernst der Satz „Nur ein guter Mensch, kann ein guter Rugbyspieler sein“ genommen worden ist. Für die Coaches stand primär das menschliche, dann das rugbytechnische.

Ich kann mir schwer vorstellen wie ein Off-Field Behaviour Feedback aussieht. Kannst du das beschreiben?
Es wird beschrieben, was für eine Rolle man im Teamgefüge spielt, wie man sich individuell und als Team verhalten hat und wie man sich in dem Bereich verbessern kann. Und sie erklären dir, wie sich dein Verhalten auf dem Rugbyplatz auswirkt und was es bedeutet, wenn es du es verbesserst. Das Mindset des Teams und dein Anteil daran sind den Coaches elementar wichtig.

Siehst du gruppendynamische Unterschiede zwischen Rugbyteams in Deutschland und in Neuseeland?
Da Jugendliche in meinem Alter nur Schulrugby spielen und nicht nur fünf Mal die Woche zusammen trainieren, sondern auch außerhalb des Trainings Zeit miteinander verbringen, sind die Beziehungen innerhalb der Mannschaft einfach viel enger. Die Chemie zwischen den Spielern ist stimmig und man kann auch neben dem Platz über Rugbytrainings und Spielpläne sprechen. Das hilft auf alle Fälle.

Wie wichtig ist ein freier Kopf?
Healthy Headspace, so nenne wir es in Neuseeland, ist zweifelsohne ein wichtiger Erfolgsfaktor. Das heißt, dass wir neben Rugby auch andere Hobbies pflegen und den Rugbysport mal vergessen sollen. Pausen sind wichtig, um dann wieder das Optimum rauszuholen.

Was machst du in deinen Pausenzeiten?
Ich versuche so gut es geht Zeit mit meinen Freunden zu verbringen. Freunde, die kein Rugby spielen, helfen dabei, nicht mit seinen Gedanken beim Training oder Spiel haften zu bleiben. Und ich versuche so oft es geht Kontakt zu meiner Familie in Deutschland zu pflegen oder etwas mit meiner Gastfamilie in Neuseeland zu unternehmen.

Wie bist du mit deiner Aufregung vor deinem ersten New Zealand Schools Match umgegangen?
Ich war sehr aufgeregt und nervös. Durch die Academy hatte ich allerdings gelernt, die Aufregung in positive Energie umzuwandeln. Mir war aber auch klar, dass ich gute Mitspieler und solch ein großartiges Team hatte, dass ich mich in sicheren Händen sah.

Du bist ja momentan in Frankfurt. Was heißt das für dein Training? Hast du hier mal totale Pause?
Nein, leider nicht. Ich wünschte ich könnte mal eine Woche gar nichts machen, aber das geht leider nicht. Vielmehr habe ich von der Crusaders Academy einen Trainingsplan bekommen, den ich auch hier absolvieren muss. Insbesondere verbringe ich drei Mal die Woche Zeit im Kraftraum und gehe Joggen. Dennoch ist es den Leuten in Neuseeland wichtig, dass ich meine Zeit primär mit meiner Familie nutze. Da aber meine Mitspieler in Neuseeland momentan dabei sind ihre Basisfitness widerherzustellen, muss ich das hier in Deutschland auch tun.

Was machst du im Kraftraum? Trainer beschweren sich hierzulande gerne, dass die Spieler, die trainieren gehen, das hauptsächlich tun, um gut auszusehen und nicht, um rugbyspezifisch zu arbeiten.
Mein Programm ist ausschließlich rugbyspezifisch, sodass man nicht sofort physische Ergebnisse sieht. Viel eher dauert es lange, bis man sichtbare Ergebnisse erkennt.

Wie viel funktionelles Training ist in deinem Plan integriert?
Sehr viel. Der Rumpf ist nach dem Gehirn der wirkmächtigste Muskel im Rugby. Die Bauchmuskulatur ist da besonders zu nennen. Planks, Sit-Ups, Klimmzüge und Liegestützen sind ein wichtiger Teil meines Trainingsprogramms. In Neuseeland sind den Trainern die Ballskills wichtiger, als die reine Kraft/Fitness. Der Ball ist schneller als der Spieler, daher versuche ich nach jedem Gymtraining ballspezifisches Training zu machen. In Neuseeland versuche ich beides miteinander zu verbinden. So müssen wir während unserer Einheit Bälle fangen oder passen oder Tackles machen, damit die Grundfähigkeiten des Rugbys immer präsent sind und trainiert werden.

Hast du Vorbilder?
Meine Vorbilder sind natürlich all die Spieler, die für die All Blacks auf  meinen Positionen spielen: vor allem Kieran Read, Ardie Savea und Sam Cane.

Was können deiner Ansicht nach die drei Spieler, was andere Spieler nicht beherrschen?
Ihr technisches Können und ihr überragendes Spielverständnis. Bei Keiran Read kommen noch Leadership Skills hinzu. Ardie Savea ist einfach ein krasser Athlet.

Hast du außerhalb der aktiven Spieler und des Rugbys ein Vorbild?
Lebron James, sein Erfolg bei gleichzeitiger Bodenständigkeit und sein großartiges soziales Engagement sind beachtlich. Hinzu kommt noch, dass er trotzt seines Alters und Erfolges so intensiv weiterarbeitet. Im Rugby natürlich Richie McCaw. Unabhängig der Tatsache, dass ich auf seiner Position spiele, sprechen seine zahllosen Erfolge eine klare Sprache. Bis zum Ende seiner Karriere hat Richie McCaw schwer geackert. Wie er neben einem Tackle gleichzeitig den Ball zu erobern, ist ganz klar mein großes Ziel. Unsere Rugbytrainer machen deutlich, dass man nach einem erfolgreichen Tackle längst nicht fertig ist. Wenn man nämlich auf dem Boden liegt, kann man seinem Team nicht helfen, daher versuche ich immer schnellstmöglich aufzustehen und den Ball zu erobern.

Welche Sportart interessiert dich neben Rugby?
Vor allem Basketball. In Neuseeland gibt es eine Basketball-Liga zur Unterstützung sozialer Projekte, in der ich jeden Mittwoch mit meinen Kumpels spiele. Da ich relativ groß bin, ist das für Basketball natürlich förderlich und es macht mir riesigen Spaß, auch wenn ich nicht wirklich gut drin bin.

Wo siehst du für 2019 deine Ziele?
Als Kapitän meiner Schule wünsche ich mir natürlich vordergründig eine erfolgreiche Schulsaison mit dem Nelson College. Gegen die Crusaders-Region haben wir leider das letzte Halbfinale verloren. Mein Ziel ist es nächstes Mal das Finale zu erreichen und die Schule der Crusaders-Region zu schlagen. Die Zielsetzung meiner Schule und uns ist es, die beste Rugbyschule Neuseelands zu werden. Das heißt aber auch, dass wir alle hart an uns arbeiten müssen. Außerdem würde ich gerne wieder für die Junior-Knights spielen. Mein persönlich größtes Ziel wird sein, erneut für das New Zealand Schools im schwarzen Trikot in Christchurch aufzulaufen.

Was ist dein größtes Ziel?
Ganz klar, für die All Blacks zu spielen. Es ist die beste Sportmannschaft der Welt, und ich finde es unglaublich faszinierend, wie so ein kleines Land in solch einer Weltsportart so dominant sein kann. Für die All Blacks zu spielen ist definitiv mein größtes Ziel.

Wie möchtest du da hinkommen? Es ist schließlich kein leichtes Ziel.
Ich glaube, dass ich auf einem guten Weg bin. Aber ich muss es erstmal schaffen durch den Mitre 10 Cup der Provincial Union zu kommen und anschließend in einem Franchise Super Rugby zu spielen, um dann den Sprung zu den All Blacks zu schaffen. Das ist definitiv noch ein weiter Weg.

In deiner Schulmannschaft bist du Kapitän. Wie kann man eine Mannschaft erfolgreich führen?
Auch in Frankfurt durfte ich schon als Captain meiner Mannschaft spielen, wodurch ich gelernt habe ein Team erfolgreich zu leiten. In Neuseeland ist einer meiner besten Freunde im vergangenen Jahr Kapitän gewesen. Ich habe ihn oft nach Tipps und Tricks befragt, wie ich das Team besser führen kann. Vor allem die Frage, wie ich mir den Respekt meiner Mitspieler erarbeiten kann. Als Kapitän bitte ich immer wieder meine Mitspieler und Trainer um Hilfe. Innerhalb des Teams haben wir eine Leadership Gruppe, die aus drei/vier Spielern besteht und eine wichtige Rolle im Team innehat. Mit diesen Spielern arbeite ich intensiv zusammen und ich bin sehr dankbar, dass ich auf sie zurückgreifen kann und sie mich unterstützen.

Was ist außerhalb der rugbyspezifischen Dinge elementar, um als Spieler erfolgreich zu sein?
Spaß. Ohne Spaß kann man keinen Erfolg haben. Das, was man macht, muss einem Spaß machen, ansonsten fehlt die Motivation und alles geht den Bach runter. Täglich motiviert mich der Wille irgendwann für die All Blacks zu spielen und meine Familie mit meiner Arbeit stolz und glücklich zu machen. Und um ihnen auch in Zukunft ein Lächeln ins Gesicht bringen zu können, muss ich weiter hart arbeiten.

Hat dir Rugby außerhalb des Feldes bis jetzt etwas Besonderes für dein Leben gegeben?
Ein ehemaliger Trainer hat mir mal gesagt, dass ein Rugbyspiel ein Abbild des realen Lebens ist: Man wird getackelt, runtergebracht, es sind Hindernisse im Weg. Man muss immer wieder aufstehen und die Hindernisse überwinden, um am Ende erfolgreich zu sein. Ich habe gelernt eine Verbindung zwischen Rugby und dem realen Leben zu knüpfen.

Was bedeutet für dich Professionalität?
Intensität und Disziplin schaffen eine professionelle Atmosphäre, die ich im New Zealand Schools Team besonders gespürt habe. Hinzu kommen dann noch Dinge wie die Zuschauerzahlen, die in Neuseeland größer sind. Dennoch war ich auch in Deutschland positiv davon überrascht, wie viele Menschen kamen, um das U16-Spiel Deutschland gegen Polen zu sehen.

Gab es einen Moment, in dem du entschieden hast, Rugby professionell spielen zu wollen?
Als ich es im letzten Jahr in das Team der Junior Knights geschafft habe. Dort ist man drei Tage wie ein professioneller Rugbyspieler behandelt worden und das fand ich sehr interessant. Der Grad an Professionalität hat mich tief beeindruckt.

Gab es Momente in deiner bisherigen Laufbahn, in der Zweifel aufkamen?
Bisher glücklicherweise nicht. Das erfolgreiche Jahr hat mich umso mehr motiviert weiter hart zu arbeiten und noch besseres Rugby zu spielen.

Welchen Sport hast du getrieben, bevor du mit neun Jahren im Garten zum ersten Mal einen Rugbyball in der Hand hattest?
So wie fast jeder neunjährige deutsche Junge, habe ich Fußball gespielt. Da ich damals schon recht groß war, stand ich als Innenverteidiger auf dem Spielfeld. Außerdem hatte ich als Torwart noch Eishockey gespielt und davor auch noch Tennis. Aber Rugby hat mir am meisten Spaß gemacht.

Hat man neben dem vielen Sport eigentlich Zeit für eine Beziehung und wie sieht es mit Partys aus?
Auch wenn ich momentan keine Freundin habe, bleibt dafür definitiv genug Zeit. In Neuseeland sind Hauspartys beliebt. Während der Saison versuche ich den Besuch von Partys auf ein Minimum zu reduzieren, da mir Schlaf und Erholung wichtiger sind. Nach der Saison sieht man mich aber doch ab und an auf Hauspartys, ohne aber Alkohol zu trinken.

Wie ist es mit Alkohol? Trinkst du gar nicht?
Ich habe tatsächlich noch nie einen Tropfen getrunken. Drogen konsumiere ich natürlich auch nicht. Auch von Süßigkeiten versuche ich Abstand zu nehmen, wobei das manchmal ziemlich schwer ist.

Wieso trinkst du nicht?
Das fragt man mich häufig, vor allem weil man häufig sieht, wie All Blacks nach dem Spiel Alkohol trinken. Ich benötige es nicht und finde es einfach unnötig. Ohne Alkohol macht mir das Leben genauso viel Spaß, auch wenn ich Alkohol noch nie ausprobiert habe. Ich hoffe, dass es in der Zukunft dabei bleibt und ich keinen Drang nach Alkohol verspüre.

Wenn du eine Frage an Steve Hansen hättest, was würdest du von ihm wissen wollen?
Was fällt dir an deinem Job am schwersten?

Was fällt dir an deinem Job am schwersten?
Da ich am anderen Ende des Globus wohne, ist es sicherlich die Distanz zu meiner Familie, die mir am meisten zu schaffen macht.

Trotz Freunden und Rugby, spielt die Familie in deinem Leben eine sehr große Rolle?
Ja, definitiv. Ich sehe sie leider nur zweimal im Jahr.

Wie läuft das mit Verträgen und der Kombination aus Geld und Sport?
Eine Frage, die mir viele meiner Freunde stellen. Wie Sport und Geld verbunden sind, welche Vertragsregeln man umsetzten muss und wie sehr sie dein Leben bestimmen. Zum Glück habe ich mit Tim Manawatu jemanden, der mich in diesen Fragen unterstützt. Hinzu kommt noch ein Agent, der über Verträge schaut und sie checkt. Und bevor ich unter einen Vertrag meine Unterschrift setze, muss ich natürlich auch das Okay meiner Familie einholen. Es ist mir unglaublich wichtig, dass sie glücklich über das sind, was ich hier in Neuseeland mache.

Was würdest du einem 12-/13-Jährigen raten, wenn er kundtut, dass er auch nach Neuseeland möchte mit dem Ziel, mal für die All Blacks zu spielen?
Ständig intensiv und hart arbeiten und immer daran denken, dass nur ein guter Mensch ein guter Rugbyspieler werden kann. Höflich und nett zu sein, zu helfen, wo man helfen kann, und immer alles zu geben und an sein Limit zu gehen, damit man sich verbessert. Dann schafft man auch den erfolgreichen Sprung nach Neuseeland.

Siehst du dich als deutschen Botschafter des Rugbys in Neuseeland?
Mir wird in Neuseeland immer gesagt, dass ich der erste deutsche Rugbyspieler bin, der kleinere Erfolge in Neuseeland aufweisen konnte. Ich finde es mega cool zeigen zu können, dass man auch als Spieler, der nicht aus einer klassischen Rugbynation kommt, in Neuseeland ordentliches Rugby spielen kann. Mein Wunsch ist es deutsche Rugbyspieler zu inspirieren.

Welchen Tipp könntest du dem deutschen Rugby geben?
Vor allem den Sport in ganz Deutschland weiter fördern. Deutsche sind im Allgemeinen groß und gut gebaut, erfüllen damit also ideale Voraussetzungen für den Rugbysport. In Deutschland schlummern zahlreiche unentdeckte Talente, die es im Rugby weit bringen können und ich bin mir sicher, dass das Potenzial zur erfolgreichen Absolvierung der nächsten WM-Qualifikation da ist.

Was wirst du in Deutschland am häufigsten gefragt?
Zum einen, wie Neuseeland so ist: Sau geil! Und zum zweiten, ob die Neuseeländer tatsächlich so viel besser sind. Darauf antworte ich, dass aufgrund der herausgehobenen Rolle des Rugbysports in Neuseeland natürlich die Spieler schon ein bisschen besser spielen. Aber ich mache auch deutlich, dass es Deutschland mit harter Arbeit mindestens genauso weit bringen kann.

(Text: DRJ)