Nach dem deutlichen offenen Brief des neuen DRV-Präsidenten Harald Hees zur Lage des Verbandes und seinem Aufruf zum Eintritt in den Club der 100 beziehungsweise in den Club der 1000 machte sich eine insgesamt gemischte Stimmung unter den deutschen Rugby-Fans breit. Manche stimmten bereits einen Abgesang auf den DRV an, viele allerdings begreifen die Situation aber auch als Chance zum Aufbruch. Das wurde nicht zuletzt deutlich durch den starken Zuspruch beim Länderspiel der Schwarzen Adler in Heidelberg gegen die Niederlande, wo über 2700 Zuschauer das Team unterstützten und damit mehr als doppelt so viele wie beim Relegationsspiel gegen Portugal. Auch DRV-Generalsekretär Volker Himmer unterstreicht im Interview, dass die aktuelle Lage eine schwierige, aber dennoch keine aussichtslose ist.

Herr Himmer, wir haben zuletzt von DRV-Präsident Harald Hees gehört, dass die finanzielle Lage des Verbandes prekär ist. Wie sieht es wirklich aus?
Dem muss ich leider zustimmen. Bei der Aufarbeitung des ersten Halbjahrs 2019 mussten wir feststellen, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben. Das neue Präsidium setzt aber alles daran, dass wir dieses Jahr nicht mit einem Minus in der Bilanz abschließen, und ich bin recht optimistisch, dass das gelingt. In Jahr 2020 werden allerdings Einsparungen, höchstwahrscheinlich auch schmerzhafte und unpopuläre, unumgänglich sein.

Welche Auswirkungen hat das unmittelbar?
Das betrifft letztlich alle Bereiche, die nicht, wie das olympische 7-er Rugby, vom Bund gefördert werden. Unsere Eigenmittel, die etwa über Mitgliedsbeiträge generiert werden, sind zu gering. Viele im DRV arbeiten nun daran, neue Geldquellen aufzutun, Sponsoren von unserem Konzept zu überzeugen. Das ist aber ein mittel- bis langfristiger Prozess, für den es auch Geduld benötigt. Da ist auch die große Unterstützung aus der Rugby-Familie ein Teil, auch wenn natürlich klar ist, dass wir ausschließlich mit Spenden von Rugby-Freunden die schwierige Situation nicht meistern können. Sie hilft allerdings ungemein.
Aber ich möchte noch mal betonen: Noch müssen wir keinen Abgesang auf den DRV anstimmen. Die Situation ist schwierig, aber die handelnden Personen im DRV – auch mit Unterstützung der Landesverbände – arbeiten intensiv und mit Weitblick daran, den Verband auf gesunde Beine zu stellen.

Ist der initiierte Neuaufbau der 15er-Nationalmannschaft auch Folge des rigiden Sparkurses?
Nicht ausschließlich. Durch den Abstieg in die Rugby Europe Trophy war die Gelegenheit günstig, den Umbruch mit einer jungen Mannschaft umzusetzen, die sich gegen die Gegner in der Trophy behaupten kann. Und ja, ein Kader, der sich aus Amateurspielern der Bundesliga zusammensetzt, ist natürlich „preiswerter“ auf ein Länderspiel vorzubereiten. Aber die ersten Eindrücke zeigen, dass dieser Neuaufbau mit diesen jungen Spielern besser funktioniert, als manch einer befürchtet hat. Wir spielen jetzt zwar nicht unmittelbar wieder um den Aufstieg. Aber viel wichtiger ist, die Nationalmannschaft mit einem soliden leistungssportlichen Konzept – angelehnt an das des Siebener-Programms – zu versehen, einen guten Unterbau aus Nachwuchsspielern zu schaffen und das Team organisch wachsen und sich weiterentwickeln zu lassen. Das benötigt vielleicht Zeit und hat auch einige unpopuläre Entscheidungen zur Folge, aber die Zeit geben wir dem Team auch, und die Entscheidungen müssen wir treffen, weil es notwendig ist. Hier hat das Interims-Trainerteam mit Mark Kuhlmann, Alexander Widiker und Lars Eckert sowie Teammanager Erik Schulze, denen wir sehr dankbar sind, schon den richtigen Weg eingeschlagen.

Worin besteht derzeit die Hauptaufgabe in der DRV-Führung?
Es geht darum, den Verband vor allem finanziell wieder auf sichere Beine zu stellen. Das ist eine große Herausforderung für einen so kleinen Verband mit nur knapp 15.000 Mitgliedern. Wenn alle zusammenstehen, wie es im Rugby ja gelebt wird, werden wir auch diese Situation meistern. Es muss uns endlich gelingen, die Werte unseres Sports für Sponsoren interessant zu machen, in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen zu werden und kontinuierlich auch unsere Mitgliederzahlen zu erhöhen.

Was kann jeder Einzelne tun?
Sich an der Spendenaktion beteiligen, die dankenswerterweise gut angelaufen ist, kann ein erster Schritt sein, denn, wie gesagt, nur gemeinsam werden wir diese schwierige Situation bewältigen können. Und es ist natürlich wichtig, dass die Vereine und Landesverbände ihre gute Arbeit fortsetzen beziehungsweise, dass wir in Rugby-Deutschland Mitglieder gewinnen und Talente identifizieren, formen und fördern.

Welche positiven Aspekte können Sie abschließend den Rugbyfans mitgeben?
Ja, in solch Situation gehen leider die positiven Nachrichten immer etwas unter. Aber das, was etwa das 7er-Programm leistet, wenn auch unter anderen Voraussetzungen, ist vorbildlich und merklich von Erfolg gekrönt. Und auch bei den 7er-Frauen wird mittlerweile sehr gute Arbeit an den Leistungsstützpunkten geleistet. Der Erfolg der neu formierten 15er-Mannschaft in Polen zeigt, dass wir Potenzial haben, dass die Bundesliga nicht so schlecht ist, wie manch einer behauptet. Die Niederlage gegen die Niederlande zeigt aber auch, dass wir noch einen Weg zu gehen haben, um wieder weiter oben anklopfen zu können. Die Deutsche Rugby-Akademie ist leidenschaftlich dabei, Trainer aus- und weiterzubilden, was eine wichtige Arbeit ist. Und nicht zuletzt ist das Get-into-Rugby-Projekt, hauptamtlich von Peter Smutna und Christian Doering betreut, ein Erfolgskonzept, was mittelfristig immer stärker zur Verbreitung von Rugby beiträgt. Das strukturelle Grundgerüst ist da und funktioniert. Nun gilt es aber, dieses weiter zu formen, zu optimieren und – auch mit finanziellen Mitteln – weiter mit Leben zu füllen.

(Foto: Jürgen Keßler)