Melvine Smith, ehemaliger 7er-Frauennationaltrainer und aktueller Hessischer Landestrainer, ist seit Dezember 2018 auch Nationaltrainer des DRJ-U18 Teams und komplettiert damit den Trainerstab, um Jan Ceselka und Christian Lill. In einem Interview mit rugby.de beschreibt er seine Trainingsphilosophie, spricht über die Gründe, wieso er Rugbytrainer geworden ist und skizziert, was einen guten Rugbyspieler seiner Ansicht nach ausmacht.

Lieber Melvine, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, um einige Fragen zu beantworten. Würdest du dich vorstellen und sagen was du eigentlich so machst?
Ich bin Melvine Smith, wohne seit sieben Jahren in Deutschland und war die letzten vier Jahre mit der 7er-Frauennationalmannschaft beschäftigt. Zuvor, im ersten Jahr in Deutschland, war ich in Köln als Trainer und Spieler tätig. Anschließend bin ich nach Bonn umgezogen, habe dort dann auch nochmal als Trainer zwei Jahre gearbeitet und bin anschließend zur 7er-Frauennationalmannschaft gewechselt. Das waren in etwa meine letzten sieben Jahre in Deutschland. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich in Südafrika ausschließlich Rugby gespielt. Im Jahr 2000 begann dort meine professionelle Rugbylaufbahn, u.a. spielte ich für sechs Jahre bei den Lions in Johannesburg, von der Jugend bis zum Currie Cup. Anschließend war ich noch 7er-Rugbyspieler für Western Province, bevor ich nach Deutschland gekommen bin.
Seit September 2018 bin ich Vollzeit-Landestrainer in Hessen. Darüber freue ich mich natürlich sehr, weil somit auch eine Verbindung zum U18-Nationalmannschaftsprogramm besteht. Ich bin sehr auf die neue Aufgabe als U18 XV Nationaltrainer gespannt, da ich in den letzten Jahren eigentlich nur noch mit 7er beschäftigt war. Auch wenn sich die beiden Spielweisen, 15er und 7er, gegenseitig ergänzen, gibt es in vielerlei Hinsicht immer noch große Unterschiede im Ansatz. Ich habe das Glück, dass ich nun mit beiden Spielweisen arbeiten kann.

Warum bist du Coach geworden?
Für mich ist dieses Gefühl vor allem junge Menschen durch mein Coaching zu inspirieren der Grund, weshalb ich coache. Als Spieler habe ich immer versucht so kreativ wie möglich zu sein und als Trainer versuche ich jetzt dasselbe zu tun. Ich habe einen sehr spielerzentrierten Coaching-Ansatz. Mir macht es Spaß Spieler in das Training miteinzubeziehen und es ist diese Beziehung, die ich besonders mag. Es macht mir Freude mit kreativen Denkern zu arbeiten und aus diesem Grund helfe ich auch gerne Spielern auf dem Weg, ihr kreative Seite zu stimulieren.
Mein Ziel ist es die Spieler selbstständige Entscheidungen treffen zu lassen. Wenn sie mehr nachdenken und dadurch bessere Entscheidungen treffen, nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz, dann habe ich das Gefühl sie positiv beeinflusst zu haben, was mir wiederum große Freude bereitet. Ich bin Trainer geworden, um junge Spieler positiv zu beeinflussen, auf, wie neben dem Platz.

Was macht man als Trainer der Nationalmannschaft tagtäglich?
Nun, ich bin ja jetzt erst neu dabei. Meine Vollzeitstelle bleibt aber der Job als Landestrainer Hessen. Wenn man da mal nicht auf dem Platz steht, ist man dabei administrative Sachen zu bearbeiten, z.B. Turniere und Spieltage zu organisieren oder seine Saison zu planen und mit andere Coaches zu kommunizieren. Durch die weitere Aufgabe in der Nationalmannschaft wird der administrative Teil nicht weniger. Man muss Trainings organisieren und mit saämtlichen Personen kommunizieren. Man kann tatsächlich ohne auf dem Platz gestanden zu haben, einen ganzen Tag lang nur mit Orga. beschäftigt sein. Die beiden Aufgabe, Landestrainer Hessen und U18 XV Nationaltrainer, ergänzen sich aber ziemlich gut.
Ein konkretes Beispiel zu meinem Tagesablauf: Montags habe ich morgens frei. Frei bedeutet administrative Geschichten zu erledigen (v.a. Kommunikation, E-Mails, Trainingsplanung). Am Nachmittag/Abend trainiere ich dann. Dienstags ist morgens eine Gymeinheit, mittags Orga., abends Training. Man kann also durchaus einen ziemlich vollen Tag haben. Aber ich genieße das total. Vorher war ich Vollzeit Finanzbuchhalter, für sechs/sieben Jahre, wollte aber eigentlich immer Rugby zum Beruf machen. Für mich erfüllt sich damit ein Lebenstraum. Ob Orga., Kommunikation oder Training: Jeder Moment bereitet mir großen Spaß. Man schaut immer was man als nächstes tun muss. Ich möchte eine positive Wirkung auf das Leben und auf das Training der Spieler haben. Mein Ziel ist es aber auch, dass die Spieler einen positiven Beitrag auf und neben dem Platz leisten. Ich versuche immer darüber nachzudenken, wie ich etwas besser machen kann. Die Vorbereitung einer 90minütigen Trainingseinheit kann bei mir drei bis vier Stunden dauern. Ich bin nicht glücklich mit der Planung einer Trainingseinheit, bis ich mir sicher bin, dass der Spieler das Feld mit einem positiven Gefühl verlassen wird, etwas gelernt zu haben. Um ein Training so vorzubereiten, bedarf es Geduld. Bei z.T. zwei Trainingssessions am Tag, kann man sich bestimmt vorstellen wie viel Zeit die Trainingsplanung in Anspruch nimmt. Man sitzt eigentlich den ganzen Tag daran.

Was macht dir an deiner Arbeit besonders viel Spaß?
Wenn ich sehe, dass ein Spieler sich spielerisch, von Training zu Training entwickelt und selbstbewusst wird, habe ich Spaß. Die Wirkung, die ich auf einen Spieler hinterlasse ist mir wichtig. Wenn ein Spieler denkt er sei nutzlos und ich ihm zeigen kann, dass diese Gedanken schlicht falsch sind und ihm dabei helfen kann ein besserer Spieler, aber auch ein besserer Mensch zu werden, spüre ich Glück. Es geht dabei nicht nur um Rugby, sondern auch um die Dinge, die sich fernab des Rugbysports abspielen. Seine Gedankenwelt positiv zu beeinflussen, mit ihm „one on one“ über das Leben und nicht ausschließlich über Rugby zu sprechen, lässt mich lernen wie der Spieler tickt und ich kann die dadurch gewonnen Informationen auf dem Platz nutzen und an schlechten Tagen merken, wo das Problem steckt und dementsprechend reagieren. So muss ich die einzelnen Probleme der Spieler nicht über einen Kamm scheren, sondern kann individuell angepasst mit dem jeweiligen Spieler arbeiten. Ich möchte etwas über einen Spieler lernen, seine Gedankengänge verstehen, ihm Freiräume in seinem Spiel lassen. Desto näher ich am Spieler bin, desto besser kann ich ihn verstehen. Die Gedankenwelt eines Spielers nimmt dabei direkten Einfluss auf mein Training. Diesen großen „Kreis des Coachings“ versuchen zu schließen, gibt mir ein Gefühl der großen Freude. Rugby beginnt und endet mit dem Spieler, jede persönliche Verbindung zu meinen Spielern lässt mich diesen Sport lieben und bereitet mir die größte Freude.

Was macht deiner Ansicht nach einen guten Rugbyspieler aus?
Jeder Spieler der etwas lernen möchte. Wenn du mit einem Spieler sprichst und er offen genug ist Kritik zu akzeptieren, er geradezu kritisiert werden möchte, um sich zu verbessern. Es ist unglaublich schwierig mit Spielern zu arbeiten, die wie eine unüberwindbare Mauer auftreten und mich die ganze Zeit blockieren. Du weißt, dass du aus dem Spieler so viel rausholen könntest, er aber die ganze Zeit dabei ist dich zu schneiden. Natürlich, auf der anderen Seite ist es wie eine Herausforderung für mich zu sehen, ob und wie ich den Spieler beeinflussen kann. Aber irgendwann muss man eine Grenze ziehen, um weitermachen zu können und dann wird die Arbeit schwierig. Ich liebe es mit Spielern zu arbeiten, die interessiert sind und Fragen stellen, um sich, um ihr Spiel zu verbessern. Mit Spielern zu arbeiten, die positive Energie ausstrahlen und einen wichtigen Beitrag zu einer Trainingsumgebung leisten, aus dem eine innovativen Gruppendynamik entsteht, macht mir natürlich besonders viel Spaß. Die Idee der Kritik besteht darin sich zu verbessern. Wenn ein Spieler das versteht und proaktiv um Kritik bittet, kann ich gut mit ihm arbeiten und er kann sich vor allem verbessern. Tackeln, Passen und Fangen sind eine Seite der Medaille. Die andere Seite besteht aus dem Menschen, der über einzigartige Fähigkeiten verfügt. Meine Aufgabe ist es, diese zu pflegen.

Wie sieht für dich ein perfektes Team aus?
Gibt es sowas überhaupt?

Wenn es eins gäbe!
Vielleicht eine Mischung aus Stürmern und Hintermannschaftsspielern, die sich gegenseitig ergänzen. Stürmer die nicht nur die harte körperliche Arbeit machen, sondern genauso Passen, Fangen und Laufen können, wie Hintermannschaftsspieler. Backs, die nicht nur Passen, Fangen und Laufen können, sondern auch wissen, wie sie sich am Kontaktpunkt verhalten müssen und somit über ihre Schnelligkeit und Agilität hinaus arbeiten können. Wir sehen in Deutschland eine viel zu scharfe Trennung der beiden Gruppen. Daraus resultiert, dass es vielen Stürmern an Kreativität und schnellen Händen mangelt. In einem perfekten Team können Hintermannschaftsspieler, was Stürmer können und umgekehrt. Beide Positionsgruppen wissen, was die jeweils andere ausmacht. Vor allem Stürmer sollten mehr sein, als reine Kontaktpunktmaschienen. Die Neuseeländer zeigen was es bedeutet, wenn das Ballhandling der Stürmer ähnlich dem der Hintermannschaftsspieler ist. Es sind 15 Rugbyspieler auf dem Feld, nicht acht Stürmer und sieben Hintermannschaftsspieler. Ein Team besteht letztendlich aus einzelnen Spielern. Wenn du also jeden Spieler weiterentwickeln kannst und auf seine Fähigkeiten vertraust, dann kannst du vielleicht einem perfekten Team nahekommen.

Welche gegenwärtigen Ziele verfolgst du?
Mein primäres Ziel besteht darin, mich der Mannschaft anzunähern. Über die nächsten Lehrgänge möchte ich die Spieler besser kennenlernen und natürlich meine Trainerkollegen Jan und Christian. Wenn ich Spieler und Coaches besser kenne, kann ich natürlich viel besser mit den Spielern arbeiten. Wenn ich weiß, was ihnen wichtig ist und welche Stärken und Schwächen sie haben, kann ich individuell auf sie eingehen. Im Zuge des letzten Lehrganges konnte ich mir schon die ersten Eindrücke verschaffen. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, braucht es aber Zeit und Geduld. Ich möchte durch die Erkenntnisse aus zukünftigen Lehrgängen meine angesprochenen „one to one“ Gespräche optimieren. Wichtig für mich ist aber natürlich auch, wie Jan und Christian ticken und agieren, um mit ihnen optimal zusammenarbeiten zu können und einen gemeinsamen Weg zu gehen.

Wie möchtest du diese Ziele erreichen?
Da ich ganz neu dazugestoßen bin, benötige ich erstmal ein bisschen Zeit, die ich mit dem U16 und U18 Staff und natürlich mit den Spielern verbringen möchte. Ich denke bereits jetzt an die kommenden Monate/Jahre, muss dafür aber auch erst richtig ankommen. Über die nächsten Wochen und Monate werde ich erstmal viel Zeit investieren, um alle richtig kennenzulernen und darauf aufzubauen. Mein Ziel ist es eine positive Wirkung zu entfalten. Wie genau ich das machen möchte? Durch harte Arbeit: Viele Videoanalysen und intensive Kommunikation mit Trainern und Spielern, um meinen Teil zum Erfolg des Teams beitragen zu können.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich würde mir wünschen, dass ich langfristig als Landestrainer Hessen und U18 XV Nationaltrainer arbeiten und dabei viel lernen kann. Als Coach weiß man eigentlich nie genug. Um mich selber zu verbessern, benötige ich das Vertrauen der Spieler, was ich mir erstmal erarbeiten muss. Wenn ich das Vertrauen der Trainer und der Spieler gewinnen kann und sie sehen, was ich zum Erfolg beitragen kann, können wir definitiv viel erreichen. Ich möchte die allgemeine Einstellung der Spieler zu all den unterschiedlichen Faktoren des Rugbysports verbessern, dies geht nur durch Überzeugungsarbeit, in der ich meine persönliche Stärke sehe. Viel lernen und meinen Beitrag zu einer erfolgreichen EM leisten, das sind meine Wünsche für die nahe Zukunft.