Zum Jahresende sprach DRJ-Sprecher Jens Köhler mit dem stellvertretenden Jugendwart Nationalmannschaften der Deutschen Rugby-Jugend (DRJ), Dieter Hanf,  über die Entwicklung der DRV-Nachwuchsteams und über einen Ausblick auf das neue Jahr 2016.

Deutsche Rugby-Jugend: Was waren die Ziele für die DRJ-Nationalmannschaften in 2015?

Dieter Hanf: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ganz oberflächlich gesprochen das bestmögliche Abschneiden bei allen Partien. Dies trifft aber nicht den Kern unserer Zielsetzung. Vor allem wollten wir für die U16 stärkere Gegner gewinnen, als es das in den vergangenen Jahren der Fall war. Aufgrund der Haushaltssituation lässt sich dies schwer realisieren, denn solche Begegnungen auf internationalem Niveau sind kostspielig.

Im Bereich U18 sollte der Anschluss zur Spitzengruppe der A-Division wiederhergestellt werden. Dazu ist es uns dank des Engagements einiger Spender und großem privatem Aufwand gelungen ein Länderspiel gegen die Niederlande durchzuführen. Das war eine notwendige und sehr gute Vorbereitung wie sich später bestätigte.

Ein weiteres vorrangig organisatorisches Ziel, die Wiederbelebung der DFJW-Programme für beide Mannschaften wurde intensiv verfolgt.

DRJ: Und wurden die Ziele erreicht?

Hanf: Aus meiner Sicht sind die sportlichen Ergebnisse mehr als überzeugend. Wir haben in diesem Jahr eindrucksvoll gezeigt, dass das deutsche Rugby in der Lage ist sich in internationalen Vergleichen durchzusetzen. Die DFJW-Programme können in 2016 wahrscheinlich nur schwer durchzuführen sein, es gibt kaum Überschneidungen mit französischen und deutschen Ferien, die nicht mit nationalen Terminen kollidieren. Hier suche ich nach anderen Fördermöglichkeiten und Sponsoren, damit wir andere Möglichkeiten suchen können.

DRJ: Welche sportlichen Höhepunkte hatten die DRV-Nachwuchsmannschaften?

Hanf: Die Antwort ist sehr umfangreich, da sich im Verantwortungsbereich der DRJ mehrere Teams befinden. Das Trainerteam Stefan Diedrichs und Tim Wimberg der U16-15er Nationalmannschaft war zunächst unzufrieden. Denn es brach uns überraschend in diesem Jahr das 4-Länderturnier weg, sodass uns zunächst ein Hauptevent für die Spieler fehlte. Zwar konnte der DPJW-Austausch mit Polen realisiert werden, bei dem die Mannschaft auch gewann, dennoch fehlte uns eine wirkliche sportliche Herausforderung. Ein Ersatz-Turnier in Frankreich konnte dann deutlich gewonnen werden. Also ein schöner Erfolg für die junge Mannschaft mit all seinen vielversprechenden Talenten.

Das U16 nahm als 7er erstmalig unter der Leitung von Rafael Pyrasch beim Olympic Hope Turnier in Ungarn teil. Ohne geringe Schwierigkeiten spielte sich das Team ins Finale, das gegen Tschechien deutlich gewonnen wurde.

Wie in jedem Jahr stellte die Europameisterschaft, diesmal in Toulouse, den sportlichen Höhepunkt der U18-15er Nationalmannschaft dar. Die für mich herausragende Leistung war das kleine Finale gegen Rumänien, das deutlich gezeigt hat, welche Qualität deutsches Jugendrugby haben kann. Das Ergebnis mit 11:10 fiel zwar knapper aus, als der Spielverlauf dies vermuten ließ, denn unser Team war vom Anpfiff an spielbestimmend und tatsächlich rettete ein „try saving tackle“ letztlich den Sieg, dennoch war dies eines der spannendsten Spiele, die ich auf diesem Niveau gesehen habe. Somit war dem Trainerteam Jan Ceselka und Christian Lill der Anschluss an die Spitzennationen gelungen.

Die  U19 erzielte als 7er-Team bei der Europameisterschaft einen großartigen fünften Platz und die Achtung der europäischen Verantwortlichen sowie Publikums. Die Spiele wurden live übertragen und konnten per Stream über totalrugby.de gesehen werden.

Im Oktober nahm erstmalig die U19 als 15er-Nationalmannschaft mit finanzieller Unterstützung und unter der sportlichen Leitung der Wild Rugby Academy an der Europameisterschaft teil. Auch diese Mannschaft erzielte einen guten fünften Platz. Das neue Team um Benjamin Danso und Christian Weselek konnte so das erste Mal eine andere Seite eines internationalen Turniers kennenlernen und haben sich bewährt.

DRJ: Wie bewertest du die Ergebnisse?

Hanf: Wenn ich bedenke, dass es in vielen Landesverbänden Schwierigkeiten gibt, einen Spielverkehr durchzuführen oder aufrechtzuerhalten und wenn ich den zeitlichen und finanziellen Aufwand an den Leistungen anderer Nationen gemessen dazu ins Verhältnis setze, dann sind wir außergewöhnlich erfolgreich. Das zeigt wie effektiv die Trainer die Spieler auf die Ereignisse vorbereiten können.

In diesem Zusammenhang möchte ich mich gern bei allen Eltern, Vereinen, Landesverbänden unserem Sponsor Hicron, der Wild Academy sowie Uli Byszio bedanken, die mit großem Interesse, Einsatz und finanzieller Unterstützung zu diesen Ergebnissen beigetragen haben. Ohne dieses unermüdliche Engagement wären die Maßnahmen nicht durchzuführen gewesen.

DRJ: Wo gibt es noch Probleme oder Handlungsbedarf?

Hanf: Probleme gibt es eine ganze Menge, also ist Handlungsbedarf angezeigt. Die Spieler kommen teilweise mit unzureichender Ausbildung und sehr wenig Spielerfahrung in die Sichtungstrainings. Das bedeutet, dass die Nationaltrainer an den eigentlichen Themen nicht arbeiten können und zunächst Basistrainingsaufgaben durchführen müssen. Dann fehlt die Spielpraxis.

Im Vergleich spielen britische oder französische Nationalspieler im Jahr bis zu 70 Spiele im Club, der Schule und Auswahlteams. Dann kommen die Sichtungen und internationale Wettbewerbe dazu. Manche unserer Nationalspieler haben im Jahr acht Spiele, von den Sichtungen abgesehen. Dann fehlt ihnen natürlich die Erfahrung in den Wettbewerben.

Was wir auf nationaler Ebene brauchen ist regelmäßiger, guter Spielverkehr im 7er- und 15er-Bereich. Leider ist das in den meisten Landesverbänden nicht gewährleistet. Hessen und Baden-Württemberg kooperieren in dieser Hinsicht schon, damit mehr Spiele realisiert werden können.

DRJ: Was sind die Ziele der DRJ-NM in 2016?

Die U16 misst sich im Rahmen der Herrenländerspiele im Frühjahr mit Polen und einer weiteren Gastmannschaft. Hier sind die Ziele klar, je ein gutes, anspruchsvolles Spiel mit klaren Siegen.
Weitere Spieltermine sind bislang nicht bekannt.

Außerdem wird es in dem Jahr einige Änderungen geben. Große sportliche Herausforderungen erwarten vor allem die U18 mit einem neuen Programm bei den Europameisterschaften im 15er und 7er. Bei der 15er EM in Lissabon wird Deutschland in der Championship-Klasse, der neuen Spitzengruppe vertreten sein. Neben Frankreich, Georgien, Portugal, Russland und Rumänien treffen sie dort auf Spanien und Belgien. Das ist ein durchgehend anderes, deutlich stärkeres Niveau. Hier kann das Ziel zunächst nur eine gute Platzierung und vor allem der Klassenerhalt sein.

Eine U19-Nationalmannschaft wird es 2016 nicht mehr geben, da die Wettbewerbe auf gerade Jahrgänge umgestellt werden. Entsprechend wird im Herrenbereich eine U20, betreut vom DRV in Kooperation mit der Wild Rugby Academy, bei Europameisterschaften antreten.