Mit einem Entwicklungsteam trat der Deutsche Rugby-Verband beim Internation Invitation im Rahmen der Dubai Sevens an. Ganz bewusst verzichtete die sportliche Leitung auf 20 Stammkräfte und räumte den Perspektivspielern die Möglichkeit ein, erste Erfahrungen auf dem internationalem Parkett zu sammeln. So konnte die junge Mannschaft befreit aufspielen, zahlte aber auch in den vier Partien entsprechendes Lehrgeld. Denn alle Spiele gingen an die Gegner:

  • DRV VII – Canada Maple Leafs 0:22 (Gruppenspiel)
  • DRV VII – The Royals 0:31 (Gruppenspiel)
  • DRV VII – Spanien 0:48 (Gruppenspiel)
  • DRV VII – Polen 10: 21 (Bowl-Halbfinale)

Die ehemalige deutsche Nationalspielerin Brenda Esmeralda Wehle (Heidelberger RK), die nun als Journalistin tätig ist, nutzte ihren Aufenthalt in Dubai, um sich nach dem ersten Turniertag mit DRV-Nationaltrainer Chad Shepherd über das Turnier im Wüstenemirat und über die weiteren Planungen mit der deutschen 7er-Nationalmannschaft zu unterhalten.

Brenda Esmeralda Wehle: Chad, alle Spiele verloren, null Punkte auf dem Konto – wie ist die Stimmung im Team?

Chad Shepherd: Ein bisschen frustriert sind die Jungs schon. Die deutsche Mannschaft hat in jüngster Zeit neue Standards gesetzt. Einige der Jungs hier sind noch neu in unserem System und lernen das internationale Niveau erst noch kennen. Sie merken, dass sie hart zu sich selbst sein müssen. Im 7er Rugby ist keine Zeit, um zehn oder 15 Sekunden auf dem Platz zu schlafen. Das ist wie ein Gegenversuch. Das Turnier hier ist eine wichtige Lernerfahrung für sie.

BEW: Warum ist es der Mannschaft heute nicht gelungen, zu punkten?

Shepherd: Wir hatten nicht viel Ballbesitz, um wirklich mehrere Phasen zu spielen, was immer sehr frustrierend ist – für die Spieler und auch für einen Trainer. Wir haben zwei Phasen gespielt, nach der dritten Phase kam es meist zum Ballverlust. Hätten wir noch zwei Phasen gehabt, hätten wir das Spiel in die Breite ziehen können. Dadurch hätten wir Lücken geschaffen und Versuche gelegt. Wir haben die Bälle aber zu leicht hergegeben und wenn der Gegner Ballbesitz hat, wird das Spiel hart.

BEW: Die Erwartungen wurden im Vorfeld bewusst gedrosselt. Worauf kommt es hier in Dubai an?

Shepherd: Nicht alle Spieler sind fest in unserem System integriert. Für sie ist Dubai eine gute Gelegenheit, sich zu zeigen. Ich als Trainer kann hier sehen, welcher Spieler das Potenzial hat, künftiger 7er-Nationalspieler zu werden. Manche der Jungs müssen mehr im Kraftraum arbeiten, manche an ihren Grundfertigkeiten. Das kann ich hier herausfinden, was individuell und auch natürlich auch mannschaftlich verbessert werden kann.

BEW: Was erwartest du vom zweiten Spieltag in Dubai?

Shepherd: Dass wir uns schrittweise verbessern. Die individuellen Skills werde ich im Auge behalten. Für die Jungs ist diese Umgebung hier neu ist, die müssen wirklich schnell lernen, und das möchte ich gerne sehen. Dass sie aus den Fehlern der heutigen Spiele lernen und die Sachen, die gut geklappt haben, erneut umsetzen. Aber das allerwichtigste ist Ballbesitz und das Phasenspiel. Wir müssen mehr Phasen spielen und länger im Ballbesitz bleiben. Wir haben einige wirklich gute Angriffsspieler, aber ohne Ballbesitz nutzt das nichts.

BEW: Glaubst du, Spieler anderer Perspektivteams, wie z. B. von den Maple Leafs oder den englischen Royals, sind schon weiter in ihrer Entwicklung?

Shepherd: Die englischen B-Spieler, die Maple Leafs oder auch die spanische Nationalmannschaft, die alle haben sich physisch schon voll entwickelt, so dass sich die Ausbildung hier auf die Skills konzentrieren kann und auf Teamwork. Für uns bedeutet das, dass wir Spieler früher sichten müssen, um sie eher in unser System einzubinden. Die Spieler müssen frühzeitig in den Kraftraum gehen.

BEW: So wie die Schreieck-Zwillinge? Sie kommen ja vom Stabhochsprung. Wie läuft es mit ihnen?

Shepherd: Das ist grossartig mit den beiden. Wir haben sie vor rund zehn Monaten entdeckt. Sie kommen aus der Leichtathletik. Das ist toll. Die Physis ist da, sie sind sehr gute Atlethen. Jetzt muss man das Spielverständnis etwas verbessern und die technischen Fähigkeiten noch ein bisschen ausbauen, aber sie haben grosses Potenzial. Wir wollen mehr Spieler wie die Schreieck-Zwillinge entdecken, Spieler, deren Physis schon da ist, sodass wir direkt mit ihnen an den Skills arbeiten können. Ein Turnier wie dieses ist wichtig für sie. Der einzige Weg für einen 7er-Spieler, sich weiter zu entwickeln, ist es, 7er zu spielen. Wieder und wieder.

BEW: Wie können Entwicklungsspieler internationale Spielerfahrung sammeln? Zu den grossen Turnieren wie den Hong Kong 7s fährt die deutsche Mannschaft mit ihren Stammkräften.

Shepherd: Es gibt viel, woran wir momentan im Hintergrund arbeiten. Im Frühjahr werden wir an drei, vier Turnieren mit einem Entwicklungsteam an den Start gehen. Zu den Amsterdam 7s möchten wir zwei Teams schicken: Eine Mannschaft mit den Stammkräften und ein Perspektivteam. Auf solchen Turnieren sammeln die Spieler Erfahrung und wir als Trainer sehen, wer das Potenzial für die Top 16 der Spieler in Deutschland besitzt. Nur auf einem Turnier kannst du dich an die Umgebung gewöhnen und von den Gegnern lernen. Du kannst so viel du willst trainieren – Spielpraxis ist der einzige Weg, gutes 7er-Rugby zu lernen.