Fazit 7er-Saison
Im Anschluss an eine lange und intensive 7er-Rugbysaison ist es Zeit, ein Fazit zu ziehen. Ziele erreicht? Ziele verfehlt? Was lief gut? Was muss besser werden? Michael Schnellbach, als DRV-Vizepräsident verantwortlich für das 7er-Rugby, im Interview…
Herr Schnellbach, in dieser 7er-Saison ist einiges passiert. Wie bewerten Sie den Verlauf ganz allgemein?
Insgesamt hätte ich mir in dieser Saison sicher etwas mehr erhofft und auch erwartet. Bei den Herren haben wir mit dem Klassenerhalt im Oberhaus der Europameisterschaft, der Grand Prix Series, zumindest das Minimalziel erreicht – wenn am Ende auch mit Schützenhilfe. Das Sahnehäubchen, damit meine ich die Qualifikation zur WM 2013, blieb uns jedoch leider wieder verwehrt. Bei den Damen sind wir zwar schon einen Schritt weiter. Da haben wir uns bereits in der erweiterten europäischen Spitze etabliert. Doch auch da sind wir in dieser Saison unter unseren Möglichkeiten geblieben, als es darauf ankam. Das alles hat ja aber offensichtliche Gründe.
Fangen wir bei den Herren an. Welche Gründe sind das denn?
Im Prinzip haben wir zwei Probleme: Zuerst sind wir für den Wettbewerb auf diesem Niveau zu jung und zu unerfahren, um permanent die Leistung abrufen zu können, die ohne Zweifel in dieser Mannschaft steckt. Mal ein gutes Turnier und dann man ein schwächeres – das kann passieren. Aber wir haben innerhalb eines Turniers ein sehr gutes Spiel gezeigt, und dann im nächsten scheinbar schon wieder alles vergessen. Hier müssen wir vor allem mental stärker werden, den Respekt vor großen Namen ablegen. Das ist eben auch eine Erfahrungsfrage. Das zweite Problem ist der Unterschied in der Körperlichkeit, im Bereich der Athletik. Unsere Jungs sind schon fit, das ist es nicht, aber stellt man die Teams mal nebeneinander, dann sind die Gegner in der Regel kräftiger, größer, auch schneller. Da haben wir gesehen, dass wir da noch weit von den großen 7er-Rugby-Nationen entfernt sind. Uns allen vorher bewusst, dass es auf diesem Niveau schwer sein würde, Schritt zu halten, allerdings hat uns gerade das erste Turnier in Lyon gezeigt, dass die Realität noch eine Steigerung dazu ist.
Gibt es auch Positives, was Sie aus dieser Saison gezogen haben?
Absolut! Offensiv sind wir durchaus dazu in der Lage, im Konzert der „Großen“ mitzuspielen. Augenscheinliche Probleme haben wir eben in der Verteidigung bzw. in der Balleroberung. Aber noch mal, unsere Mannschaft ist sehr jung. Das lässt für die Zukunft hoffen. Die Portugiesen etwa spielen bereits seit einigen Jahren in dieser Formation zusammen. Ich bin überzeugt, dass wir uns in den nächsten Jahren, mit wachsender Erfahrung, steigern können und uns unter den besten acht Nationen Europas etablieren können. Wir haben mit den Siegen gegen Schottland und Italien oder mit einer starken Halbzeit gegen Spanien ja bereits angedeutet, dass Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Und das intensive Training, welches wir nach Lyon in Heidelberg absolvieren konnten, wo vor allem der Fokus auf Fitness und Zusammenspiel lag, hat Wirkung gezeigt. Leider war nicht auch noch Zeit, an technischen Sachen zu arbeiten. Das braucht auch länger als fünf Wochen.
Was muss künftig besser laufen?
Der Kernpunkt ist die mangelnde Erfahrung. Wir brauchen künftig mehr Spielpraxis auf guten Turnieren sowie einen regelmäßigen Trainingsbetrieb. Und wir müssen darüber nachdenken, wie wir die 7er-Spieler aus dem 15er-Spielbetrieb herauslösen können. Die Portugiesen machen in der Saison nicht mehr als zwei Spiele für ihren Verein, konzentrieren sich ansonsten voll auf das 7er-Rugby. Dazu müssen und können wir künftig nur Spieler gebrauchen, die im Training voll mitgehen und zudem eine gewissen Eigenverantwortung mitbringen.
Was heißt das genau?
Ich denke, dass vor allem zu Beginn dieser Saison einige Spieler womöglich zu viele Freiräume hatten. Das Vertrauen ist leider in manchen Fällen nicht zurückgezahlt worden. Im Winter wird es einen Fitnesstest geben, der unmittelbar vor der Saison wiederholt wird. Da müssen dann auf jeden Fall Ergebnisse zu erkennen sein. Wir werden lieber 80-Prozent Spieler mitnehmen, die sich im Training zu 100 Prozent reinhängen als 100-Prozent-Spieler die nur zu 50 Prozent im Training stehen.
Wie sieht die Bilanz bei den Frauen für diese Spielzeit aus?
Die DRV-Frauen haben ihre Position in der erweiterten Spitze einmal mehr bestätigt. Vor allem in Las Vegas und in Amsterdam haben die Spielerinnen eindrucksvoll gezeigt, dass sie durchaus mithalten können. Leider haben wir diese Tendenz in der European Women’s Sevens Series dann nicht fortsetzen können. Unter dem Strich stehen dann ein neunter Platz in der EM und ebenfalls die verpasste WM-Qualifikation. Das ist natürlich schade.
Die Damen haben sich in dieser Saison durch viel persönliches Engagement ausgezeichnet. Woran hat es dann letztlich gehapert?
Körperlich haben wir im Vergleich zu den Männern kaum Defizite gegenüber den anderen europäischen Nationen. Ich denke, hier bedarf es einer deutlich verbesserten Grundausbildung der Rugby spezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie einer deutlichen Verbesserung bzw. Anpassung des nationalen Spielbetriebes, um die Position im weltweiten Vergleich zu stabilisieren bzw. noch näher an die Weltspitze heranzurücken. Und natürlich sehe ich wie auch Trainerin Susanne Wiedemann die Notwendigkeit von mehr internationalem Wettbewerb auf hohem Niveau.
Die Zielsetzung für die nächsten Jahre?
Bei den Damen ist der Anschluss an die europäische Spitze bereits gelungen. Bei den Herren ist es bis dahin allerdings noch ein längerer Weg, auch weil die Professionalisierung immer weiter voranschreitet. Es war ja deutlich zu sehen, dass sich neben den großen Rugby-Nationen vor allem die Mannschaften durchgesetzt haben, die bereits entsprechende olympische Förderprogramme umgesetzt haben. Aufgrund der aktuellen Ausgangssituation des 7er-Rugbys in Deutschland ist das sportliche Ziel beider 7er-Nationalmannschaften in den nächsten drei bis vier Jahren den Abstand zu den europäischen Spitzennationen kontinuierlich und vor allem nachhaltig zu verringern und sich so mittelfristig in den Top 8 Europas zu etablieren. Basis hierfür ist allerdings ein solides langfristiges finanzielles Förderungskonzept und die Installation hauptamtlicher Strukturen.
30.07.2012